Zwei Setter auf der Suche nach den Kinderhänden

 

 

                                                                 

 

                                                                                                                               

      

 

 

 

In der englischen Stadt Matlock in einem roten Backsteinhaus mit kleinem Vorgarten stand in einem  Raum neben der Küche eine große Holzkiste mit acht  neugeborenen rotbraunen Setterwelpen. Sie lagen wie an einer Schnur aufgereiht am Gesäuge der Mutter. Ihr Quieken war durch das ganze Haus zu hören. Die von der Geburt erschöpfte Hündin schleckte sie alle der Reihe nach ab, so als wollte sie jedes Mal bis acht zählen. Zwischendurch schloss sie die Augen, um sich von der anstrengenden Nacht etwas zu erholen.

                               hungrige Setterbabys

 

 

Der kleinen Rachel war diese Geräuschkulisse nicht fremd, sie vernahm durch die halbgeöffnete Tür des Kinderzimmers die frohe Botschaft.

 

„Welpen rief sie“, denn es war nicht der erste Wurf, der hier geboren wurde.

 

Sie schnappte sich ihren Bademantel, denn es war in einem schlecht beheizten englischen Cottage  morgens kalt, sie lief die Holztreppe hinunter und kniete vor der Welpenkiste.

 

Für ihren Morgengruß, den sie als Streicheleinheiten an die erwachsenen  Hunde, die im Flur schliefen, vergab, hatte sie keine Zeit. „Ihr müsst heute warten“, sagte sie im Vorbeilaufen. 

 

Ihre Hand strich zärtlich über die Bäuche der Kleinen, die emsig versuchten sich den besten Platz an einer Zitze der Mutter zu ergattern.

 

Bei einem kleinen Rüden mit einem herzförmigen weißen Brustfleck hielt sie inne und rief:“Mom, das ist er, das ist Lovebird, so werde ich ihn nennen.“

 

Und plötzlich vergaß auch der Kleine das Trinken und schmiegte sich fest an die warme Kinderhand, er hob sein kleines Köpfchen in Richtung Rachel und obwohl seine Augen noch geschlossen waren und er nicht sehen konnte, wusste er scheinbar um ihre Zuneigung.

 

Die Mutter, für die die Welpenaufzucht ein Zubrot war, da sie ihren Job verloren hatte, versuchte Rachels Euphorie zu dämpfen: „Lass uns abwarten, wie er sich entwickelt, wir werden den Schönsten aussuchen, jetzt sehen sie doch alle gleich aus. Du willst doch auch, dass er  ein „Sieger“ wird.“

 

Rachel entgegnete etwas trotzig:“ Meine Entscheidung steht fest.“

 

Zwei Tage später war eine kleine rote Hündin auf einem  irischen Landsitz in der Nähe von Kildare in einem Holzschuppen dabei eine Kuhle zu graben. Das heruntergekommene Anwesen hatte auch schon bessere Tage gesehen  und wurde von dem neuen Besitzer in eine Hundezucht umfunktioniert.

 

Die Hündin war hochtragend und hatte das Bedürfnis sich zurückzuziehen, da die Vielzahl der Jagdhunde verschiedener Schläge, die sich auf dem Anwesen tummelten und an ihr rochen, sie nervten.

 

Wurfkisten gab es hier nicht, denn der Besitzer, ein korpulenter Mann mit Barbourjacke und Gummistiefel und einer karierten Mütze wie ein echter Lord, legte Wert auf „Naturaufzucht“, was bedeutet, dass die Tiere sich selbst überlassen waren und ihnen nur das Nötigste an Nahrung zukam.

 

Eine  junge Frau aus der Nachbarschaft, die für die Fütterung der über achtzig Hunde zuständig war, beobachtete die Vorbereitungen der kleinen roten Hündin und warf ihr ein Bündel Stroh in die Wurfkuhle.

 

Am Tag danach lagen sechs kleine Knäul, die meisten rot weiß gefleckt  in dem Erdnest.

 

Die kleine Tochter der Nachbarin Bridget, die ihre Mutter manchmal beim Füttern der Hunde zusah, hörte das Quieken aus dem Schuppen, folgte den hungrigen Rufen der Kleinen und war überwältigt, als sie die „wuselige“ Grube in der Ecke des Schuppens sah. Sie kniete nieder und legte einen kleinen Rüden, der sich zu weit von der Mutter entfernt hatte, wieder zurück in das Nest. Es war der einzige mit einem kleinen weißen kreisförmigen Brustfleck. Sein   Fell hatte die Farbe von reifen roten Kirschen. Die anderen fünf Welpen waren rot- weiß gescheckt. Einer davon hatte einen schwarzen Hinterlauf.

 

Als sie den Kleinen loslassen wollte schmiegte er sich an ihre Hand und fiepte erschrocken.

                                   

 

 

                                                Charlie

 

 

 

Wenn ich nur könnte, wie ich wollte“, sagte Bridget, ich würde dich mitnehmen und du dürftest auf einer Decke in meinem Zimmer schlafen, aber du brauchst die   Milch deiner Mutter, sonst stirbst du. Aber ich werde dich täglich besuchen, du  kleiner  Charles.“ Ihr fiel dieser Name gerade so ein, da am Abend davor am Fernseher ein Bericht über den freundlichen englischen Thronfolger mit den Flatterohren kam.

 

 

Lovebird und seine Geschwister in Matlock entwickelten sich prächtig. Rachel half mit, wenn ihre Mutter den Welpen zusätzlich Fläschchen mit Milch zubereitete, da die Milch der Hündin nicht mehr ausreichte, um die hungrigen Rabauken satt zu bekommen.  Rachel legte den kleinen Lovebird auf ihrem Schoß auf den Rücken und schob ihm den Schnuller in den zahnlosen Mund. Der Kleine zog kräftig und strampelte mit den Vorderbeinchen im Takt und das dreimal täglich.

                                      

 

                                                    Lovebird

 

Als er fast zwei Wochen alt war und er wieder an seinem Fläschchen sog, sah Rachel, dass sich seine Augen leicht öffneten. Sein erster Blick galt ihr. Darauf war sie sehr stolz.

 

Die kleine Bridget aus Irland lief am nächsten Tag als sie aus der Schule kam und ihre Mutter dabei war, Trockenfutter in die zahlreichen Näpfe zu verteilen, in den Schuppen. Sie hatte ein Bündel frisches Stroh unter dem Arm, um den Kleinen das Nest neu auszupolstern.

 

Ihr Schreck war groß, als sie aber nur noch vier Welpen sah. Schnell suchte sie nach Charlie. Sie war glücklich, als sie feststellte,  dass er unter den vier quirligen  Hundebabys war und überglücklich,  als er sofort ihre Hand suchte.

 

Ihre Mutter war nicht sehr überrascht, als ihr Bridget sagte, dass es nur noch vier Kleine gab.

 

„Mr. Mc Donnel meint, dass das bei einer Naturaufzucht normal sei“, versuchte sie ihrer Tochter zu erklären.

 

„Sie sind jetzt im Hundehimmel“ ergänzte sie, um die Kleine zu beruhigen. „Vielleicht besser als hier“, murmelte sie vor sich hin. 

 

Zwei Wochen später öffnete auch Charlie seine Augen und den ersten Menschen, den er zu Gesicht bekam, war natürlich Bridget.

 

Mc Donnel, der zwar das Fiepen der Welpen vernahm, sie aber keines Blickes würdigte,  pflegte zu sagen: „Wenn sie laufen können, werden sie sich schon zeigen.“  

 

Am Abend,  als der Vater von der Arbeit kam, lief ihm Bridget entgegen und berichtete ihm von dem Lob ihrer Lehrerin für ihre guten Leistungen. Sie bemühte sich den ganzen Abend alles richtig zu machen. Den Eltern war das unheimlich, so dass der Vater beim Abendessen in seiner direkten Art sie fragte: „Bridget, spann uns nicht weiter auf die Folter, nenn uns den Anlass für deine Bemühungen, was wünscht du dir?“

 

Die Antwort kam prompt: „ Ich wünsche mir zum Geburtstag für dieses Jahr und die nächsten Jahre bis ich achtzehn bin, nur ein Geschenk: den kleinen Charlie.“

 

Sie erklärte ihrem Vater, dass das der kleine Welpe aus Mc Donnels Schuppen sei.

 

Der Vater machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte: “Das wird schwer möglich sein, der alte Geizkragen verkauft seine Hunde in die ganze Welt, da er sich einen Namen gemacht hat aus welchem Grund auch immer. Dass er oft selbst nicht weiß, welches die Eltern sind, interessiert ihn nicht, dafür aber muss der Preis stimmen.

 

Für einen Hund müsste ich einen Monat arbeiten und du weißt, dass unsere Waschmaschine schon seit Monaten kaputt ist.“

 

Bridget ging traurig zu Bett und tröstete sich, dass ihr noch einige Wochen bleiben, den Vater umzustimmen.

 

Als Bridget am nächsten Morgen in der Schule war, rief ihre Mutter Mr.Mc Donnel an und bat ihn, ihrer Tochter den kleinen Hund zu schenken.

 

Dieser war recht ungehalten und erklärte ihr schroff, dass dieser bereits nach Deutschland verkauft sei und die Mutterhündin gleich mit. „Bei so vielen gefleckten Welpen nimmt mir doch bald keiner mehr ab, dass es rote Irish Setter sein sollen“, sagte er polternd. Der Kleine hat nur einen weißen Brustfleck, das ist erlaubt und der Preis stimmt auch. 

 

Die Mutter behielt die traurige Nachricht für sich und wenn sie in den folgenden Wochen sah, wie rührend sich Bridget um den Welpen kümmerte, wischte sie sich heimlich schon mal eine Träne weg.

 

Unbemerkt versuchte diese sich mit Charlie aus dem Gehöft zu schleichen, um ungestört mit ihm auf den umliegenden Wiesen spielen zu können. Wenn der Kleine müde war, nahm sie ihn in den Arm und er schmiegte seinen kleinen Kopf in die warmen Kinderhände, so wie am  Tag nach seiner Geburt bei der ersten Begegnung mit Bridget.

 

Auch in Matlock stand nicht alles zum Besten.

 

Von den drei kleinen Rüden entwickelte sich nur Lovebird prächtig. Die beiden anderen kränkelten. Sie erbrachen häufig die Milch und den Brei und sie lagen am liebsten in der Wurfkiste und ruhten sich aus. Das änderte sich auch nicht als sie etwas größer wurden.

 

Lovebird aber tollte mit Rachel im kleinen Garten herum und versuchte Schmetterlinge zu jagen.

 

Wenn er sich ganz wohl fühlte, knabberte er an Rachels Finger. Ihre Hände hatten es ihm angetan.

 

Eines Tages, als Rachel mit ihrer Schulklasse nachmittags im Zoo war und der Vater, da er Nachtschicht hatte, den Zaun zum Nachbargrundstück flickte, der ziemlich mitgenommen aussah, da die erwachsenen Hunde stets hochsprangen, wenn  die   getigerte Nachbarskatze selbstbewusst  vorbeistolzierte, gesellte sich die Mutter zu dem Vater, um ihm ihr Herz auszuschütten:

 

„Nächste Woche kommt ein Mann aus Deutschland, um einen kleinen Rüden abzuholen. Es ist die  einzige Nachfrage für diesen Wurf. Zwei der kleinen Rüden sind krank, Lovebird habe ich aber Rachel versprochen, was soll ich tun?“

 

Der Vater legte die Drahtzange zu Boden und lehnte die Rolle mit dem Maschendraht an die Hauswand:

 

„Ich weiß es nicht“, sagte er verbittert. Du weißt, dass wir mit der Rate für das Auto schon drei Monate hinterher sind, sie werden es pfänden und wie komme ich dann zur Arbeit? Ein Rüde im Haus mit mehreren Hündinnen, bringt Unruhe. Die Nachbarn beschweren sich sowieso ständig.“

 

„Ich kann das der Kleinen nicht antun“, sagte die Frau und verschwand im Haus.

 

„Vielleicht nimmt der Deutsche auch einen der Kleinen, wenn ich ihm im Preis entgegenkomme“, dachte sie und machte sich in der Küche zu schaffen.

 

 

Wochen später, auf einer Fähre von Dover nach Calais, standen auf dem gleichen Deck in unmittelbarer Nachbarschaft ein weißer Lieferwagen mit einem Setterkopf als Aufkleber und ein PKW mit dem gleichen Emblem, dazu noch reichlich bunte Setter -Werbung.

 

Aus dem Lieferwagen stieg ein gutgelaunter Mann. Sein Trachtenjanker verriet, dass er gerne den Naturburschen zur Schau stellte. Als er den Mann aus dem anderen Fahrzeug erkannte, schien er sich zu freuen. „ So wie ich dich kenne, Hüpfer, warst du auf Einkaufstour“, rief er spöttisch.

 

„Stimmt, Grunz“, erwiderte der Trachtenmann. Aber ich komme von der Grünen Insel und habe ein erstklassiges Produkt erworben. Er zog  Charlie aus dem Lieferwagen. „Allererste Sahne“, protzte er. „ Der alte irische Geizkragen wollte mir auch die zehnjährige Mutter aufschwatzen, als ich ablehnte, hat er sie nach Australien verkauft. „Die Kerle sind hart im Nehmen, ich habe nach England übergesetzt und mir hier noch etwas angesehen, leider zu viele weiße Flecken und jetzt lebt der Kleine schon seit einer Woche in meiner Karre.

 

Charlie schnupperte ängstlich an der Hand seines neuen Besitzers. Das war nicht der warme Duft, den er von Bridget kannte. Der Geruch von Schweiß und Rauch erschreckte ihn, so dass er laut winselte.

 

Der andere sah spöttisch auf Charlie. „Nicht gerade für den Ausstellungsring“,  lästerte er. „Dafür aber aus einem alten irischen Jagdhundeschlag“ , erwiderte der Naturbursche.

 

Stolz präsentierte der zweite Mann, nachdem er seine hellen Locken aus der Stirn gestrichen und seinen bunten Schal zurechtgezupft hatte,  seinen Einkauf:

 

Lovebird war ein wohlgenährter Welpe von stattlicher Größe mit dunklen Augen und einem sorgenvollen Gesicht. „Ein Weltsieger“ protzte er stolz. „Alles perfekt, sieh dir die Zähne an“. Er öffnete mit seinen parfümierten Fingern den Fang des kleinen Hundes.

 

Auch Lovebird schreckte zurück. Am Morgen noch hatte er an Rachels Finger gelutscht, als sie mit ihm spielte, bevor sie ahnungslos zur Schule ging. Er verstand die Welt nicht mehr.

 

„Lass uns die Kleinen für die Überfahrt  im Lieferwagen verstauen. Da können sie nicht weg und wir können uns an der Bar ein Bier gönnen. So vergeht die Zeit schneller.“

 

                                            

                                                 

Der andere fand die Idee gut und so verstauten sie die Welpen im dunklen, kalten Fahrzeug und machten sich auf zum Oberdeck.

 

Die beiden Welpen kuschelten sich aneinander, ohne sich richtig zu sehen. Nach kurzer Zeit ließ die Anspannung nach und die Angst wich der Müdigkeit. Sie schliefen beide ein, so als wären sie in ihrer vertrauten Umgebung von zu Hause.

 

Herr Hüpfer und Herr Grunz  erzählten sich viele erfundene Geschichten von großen Jagdhunden und herrlichen „Schönheitskönigen“ und nach jedem Bier versuchte der eine den anderen mit seiner Prahlerei noch mehr  zu übertrumpfen.

 

Am gleichen Abend weinten ein englisches  und ein irisches Mädchen bitterlich.
 

 

Bei der Ankunft in Calais wurden die beiden Welpen aus dem Schlaf gerissen und Lovebird  fand sich in der kalten Box im Kofferraum des anderen Fahrzeugs wieder. Die Decke, die er am Vortag aus Angst durchnässte, hatte niemand gewechselt.

 

Bevor man sie trennte, drückte sich der kleine drahtige Ire an den wohlgenährten Engländer, so als wollte er ihm sagen: „Lass uns zusammen bleiben.“

 

Am nächsten Abend wurde  Lovebird  in einem deutschen Wohnzimmer von einer Schar neugieriger Menschen bestaunt. Auch ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft war darunter. Als sie Lovebird sanft über den Rücken strich, verspürte er etwas wie ein Glücksgefühl. Seine Rute bewegte sich leicht, so als wollte er wedeln.

 

Die Menschen bestaunten den zukünftigen Sieger, doch die Neugierde war bald vorbei und Lovebird fand sich in einem Zwinger mit zwei halbwüchsigen Rüden wieder.

 

Diese beschnupperten ihn zuerst neugierig und freuten sich darüber, dass durch dieses neue „Spielzeug“ endlich Abwechslung in ihr Leben gekommen war. In den folgenden Tagen setzten sie dem Kleinen richtig zu, doch Lovebird lernte schnell sich zu wehren. Er setzte seine kleinen Michzähnchen ein und biss um sich. Das beeindruckte die beiden Halbstarken, sie ließen von ihm ab. Er verzog sich in eine Schlafbox, wo er seine Ruhe hatte. Hier verbrachte er die meiste Zeit.

 

Menschen bekam er nur zu Gesicht, wenn sie die Futternäpfe füllten oder den Zwinger reinigten oder, was für ihn noch schlimmer war, wenn sie ihn auf einen Tisch stellten, wo er regungslos verharren musste und sie ihn abtasteten, an seinen Hoden herumfummelten oder seine Zähne begutachteten. Menschenhände, die für ihn einst Zuneigung bedeuteten, wurden jetzt zur Tortur.

 

Dennoch wagte er es nicht zu knurren. So tief sitzt die Zuneigung dieser edlen Geschöpfe zur Spezies Mensch. Dieser kann sie in seiner Dummheit misshandeln und sie achten ihn trotzdem. Es gibt nur wenige, die sich in äußerster Not vergessen und wehren.

 

Lovebirds Erinnerungen an Rachel verblassten so langsam und auch Charlie hatte er wahrscheinlich längst vergessen.

 

Dieser lebte jetzt auf einem heruntergekommenen Grundstück, das ursprünglich ein Schulhof war und von seinem neuen Besitzer in einen Zwinger umgebaut wurde. Seine Schlafstätte war die ehemalige Jungentoilette, die den strengen Geruch ihrer ursprünglichen Bestimmung beibehielt. Scheinbar hatte man sich keine große Mühe gemacht, diesen zu beseitigen.

 

Er wurde zum Einzelgänger.  Er jagte Amseln und Mäuse, um sich die Zeit zu vertreiben. Aus Langeweile ärgerte er schon mal durch die Gitterstäbe einen der Welpen, die sich in den Zwingeranlagen befanden.  Er liebte diese Einsamkeit. Menschen bekam er nur zu Gesicht, wenn  Welpenkäufer  das Grundstück betraten oder wenn ein  schweigsamer hagerer Mann die Futternäpfe füllte.

 

Einmal kam eine Familie mit zwei Mädchen. Das kleinere der beiden stürmte auf Charlie zu und strich ihm sanft über den Kopf. Der Duft der Kinderhand weckte Erinnerungen an Bridget und er begann zu winseln.

 

Die Mutter der beiden Kinder war von Charlie nicht besonders angetan. Sie zog die Kleine weg:

 

„Guck dir lieber die niedlichen Welpen an, dieser hagere Kerl kommt für uns nicht in Frage“.

 

Charlie war wirklich keine Schönheit. Sein Haar war immer noch das eines Welpen und sein drahtiger Körperbau erinnerte doch stark daran, dass wahrscheinlich der alte Pointer, der auch auf dem irischen Landsitz lebte und der von Zeit zu Zeit  Mr. McDonnel zur Jagd auf Moorhühner begleiten durfte, sein Vater war. Doch das alles war Charlie egal.

 

 

Für Lovebird schien sich eine Wendung anzubahnen. Eines Morgens wurde er aus dem Zwinger genommen, aus seinem  Haar die verfilzten Knoten herausgeschnitten, er wurde zum ersten Mal  sogar abgeduscht und gekämmt.

 

Herr Hüpfer  legte ihm eine Leine um, das tat Rachel genauso, wenn sie mit ihm kurze Spaziergänge am Flussufer machte. Oft waren auch die anderen erwachsenen Hunde und Rachels Mutter dabei. Plötzlich wurden seine Erinnerungen wieder  wach und er freute sich.

 

Doch sein Glücksgefühl legte sich schnell, es ging nur im Kreis herum im gepflasterten Hof. Und dann kam wieder die Tortur: Kopf hoch,  Zähne zeigen und das unangenehme Gefummel zwischen den Beinen.  Aber am Ende gab es zu seiner Überraschung ein Stückchen Käse als Belohnung.

 

Jetzt war er total verwirrt und wusste nicht, was er davon halten sollte.

 

Den Sinn dieser Prozedur verstand er erst einen Tag später: In einer großen Ausstellungshalle in der nahen Großstadt musste er das Gleiche noch mal über sich ergehen lassen. Diesmal nur  durch eine Frau, die er nicht kannte, die ihm aber freundlich über den Kopf strich. Das mochte er.

 

Den Rest des Tages verbrachte er in einer Drahtbox. Er sah das rege Treiben um sich herum und wusste nicht, was er davon halten sollte.

 

Am folgenden Abend  kehrte der Alltag zurück. Nur die beiden Halbstarken im Zwinger beschnupperten ihn ausgiebig und glotzten komisch, da er so fremd roch. Doch auch das ging vorbei.

 

Auch für Charlie gab es Abwechslung.

 

Eines Morgens packte ihn Herr Grunz in den Kofferraum seines Autos und fuhr los. Etwas später hielt er an einer Wiese, die an ein großes, grünes Weizenfeld grenzte. Es war Frühling,  die Obstbäume blühten und die Wiese war von Tausenden gelben Löwenzahnblüten übersät. Als der Mann den Kofferraum öffnete und Charlie das alles sah, traute er seinen Augen nicht. Welch eine herrliche Welt. Der Mann hatte eine Flinte auf dem Rücken. Diese kannte Charlie von dem alten McDonnel, der, wenn er zu viel Whisky getrunken hatte, auf seinem Anwesen ordentlich herumballerte.

 

Er ließ Charlie von der Leine und rief: “Such den Fasan!“

 

Dieser sah die herrlichen Felder vor sich und legte los. Er rannte kreuz und quer. Er machte einige Feldlerchen hoch, die ihren Balzgesang unterbrachen und das Weite suchten, er kam an einen Hasen mit welchem er ein Wettrennen veranstaltete.

 

Die schrillen Pfiffe seines Besitzers vernahm er zwar, doch sie interessierten ihn wenig. Das war das wahre Leben.

 

Nach einer halben Stunde ließ er sich einfangen, legte sich auf das feuchte Gras und hechelte, was das Zeug hielt. Sein Besitzer schäumte vor Wut.

 

„Irischer Bastard, das wird Folgen haben“, rief er.

 

Herr Grunz zog ihn an sich heran, wechselte das Halsband und leinte ihn wieder ab.

 

Charlie freute sich, scheinbar war sein Ausflug gar nicht so verkehrt. Er lief wieder los, um eine neue Runde zu drehen. Ein schriller Pfiff zerriss die Stille. Im gleichen Augenblick verspürte er einen stechenden Schmerz, der wie ein Blitz in seinen Nacken fuhr.

 

Er drehte um, rannte zum Fahrzeug und vergrub sich unter der Stoßstange. Herr Grunz lachte hämisch. Er zog Charlie hervor, nahm ihm das Elektrohalsband ab, öffnete den Kofferraum und Charlie verschwand blitzschnell im Auto. Er kauerte sich in eine Ecke und zitterte. Herr Grunz lachte und sagte nur: “Übermut tut selten gut. Ich hoffe, es war dir eine Lehre.“ Sie fuhren wieder nach Hause und Charlie verkroch sich den ganzen Tag in der ehemaligen Kindertoilette.

 

Monate vergingen und Charlie und Lovebird hatten ihre Ruhe, das heißt, man beachtete sie nicht, aber auch sie ignorierten ihr Umfeld.

 

Nur manchmal, wenn  Lovebird die warme Sonne durch die Gitterstäbe aufs Fell schien, zog er leicht die Lefzen hoch und winselte, so als würde er träumen, einen Traum von einem englischen Garten und einem Mädchen mit weichen, warmen Händen.

 

An warmen Tagen, wenn alles still war, schnappte sich Charlie eine alte Decke, die herumlag, rollte sich in sie hinein und träumte, dass es Bridgets Schoß wäre und aus seiner Kehle kam ein heiseres Gejaule.

 

Und dann kam der Tag, der alles ändern sollte.

 

 Auf einer gemähten Wiese stand eine Vielzahl von Fahrzeugen mit teils geöffnetem Kofferraum und aus jeder Box äugten neugierige rote Setterköpfe.

 

Aufgeregte Menschen rannten mit ihren angeleinten Hunden umher, andere hielten Schreibblöcke  in der Hand und taten sehr wichtig. Auch Kinder waren dabei.

 

Für Lovebird war das alles zu viel. Er beschloss, das Auto nicht zu verlassen, was Herrn Hüpfer in Rage brachte. Dieser musste aber Haltung bewahren. Als er sich aber unbeobachtet fühlte, zog er Lovebird  mit einem jähen Ruck aus dem Kofferraum.

 

Im gleichen Augenblick öffnete sich auch die Tür des Lieferwagens und Charlie blinzelte in die Sonne.

 

Und plötzlich trafen sich die Blicke beider. Spekulationen, warum und ob sie sich nach Monaten überhaupt erkannten, wollen wir nicht nachgehen. Die Intelligenz, die Intuition, aber auch das Erinnerungsvermögen dieser herrlichen Geschöpfe haben mich so oft schon verblüfft.

 

Beide  waren froh sich wieder gefunden zu haben, obwohl sie sich aus diesem Treiben hier keinen Reim machen konnten.

 

Sie konnten  nicht wissen, dass hier eine sogenannte Zuchtauswahl stattfand, was sie aber auch nicht interessiert hätte, wenn sie deren Sinn verstanden hätten.

 

Lovebird sah nur, dass in einer Abgrenzung Hunde im Kreis herum geführt wurden und er erinnerte sich an das Geschehen in der Ausstellungshalle und das unangenehme Abtasten, das er über sich ergehen lassen musste.  Charlie sah die grünen Wiesen, erinnerte sich an den Schmerz an der Kehle durch den Elektroschock und versuchte sein Halsband abzuschütteln. Der Schreck seines ersten „Ausflugs“ in die Freiheit saß  ihm immer noch in den Gliedern.

 

Sie drückten sich aneinander und waren nicht zum Weiterlaufen zu bewegen.

 

Herr Grunz und Herr Hüpfer erkannten die für sie peinliche Situation. Ängstliche Hunde und das in der Öffentlichkeit! Die beiden „Saubermänner“ fürchteten um ihren angeblich guten Ruf,  und beschlossen die beiden an den Fahrzeugen angeleint zurück zu lassen und sich zuerst mal eine Tasse Kaffee zu gönnen.

 

„Die beiden schlauen Strolche haben sich scheinbar erkannt“, stellten sie laut fest und schon war die Wiedersehensfreude  für ungebetene Beobachter die Erklärung für die Angst der beiden Hunde.

 

Und wer sie hören wollte, bekam eine Geschichte über das Zusammentreffen zweier Welpen zum Besten, bei deren Ausschmückung sich beide „Lügenbarone“ übertrafen.

 

Ein kleines Mädchen riss sich plötzlich von der Hand ihrer Mutter los und rannte auf die beiden zu.

 

„Sieh  mal Mama, wie traurig die beiden sind“, sie strich beiden sanft über den Rücken.  Lovebird zog die Lefzen hoch und grinste und Charlie verfiel in ein tiefes Grunzen. Ein herrliches Glücksgefühl machte sich in beiden breit und für Augenblicke hatten sie die Welt um sich vergessen.

 

Mit viel Überredungskunst gelang es der Mutter, ihre Tochter zum Weitergehen zu bewegen.

 

Lovebird und Charlie blieben zurück, etwas traurig, aber mit der Ahnung, dass die Güte aus der Hand eines Kindes nicht versiegt ist. Aneinandergeschmiegt dösten sie vor sich hin.

 

Ein plötzlicher heller und lauter Knall durchbrach die Stille. Eine dickliche, etwas wirr blickende Frau hatte wenige Meter von den beiden im Verlauf einer sogenannten Wesensüberprüfung  mit einer Schreckschusspistole in die Luft geschossen.

 

Angst, Entsetzen und Panik ließen Lovebird hochfahren und sein Fluchtreflex löste eine ungeahnte  Kraft in seinem Körper aus. Mit einem Ruck zerfetzte er die Lederleine und suchte das Weite.

 

Charlie, der diese Geräusche zwar aus frühester Jugend kannte, tat dennoch das Gleiche. Ohne ihn wäre Lovebird, dem sogar das Gras unter den Pfoten fremd war, verloren.

 

Sie liefen, was das Zeug hielt und der leichtfüßige Charlie war überrascht über die entfesselten Kräfte in Lovebirds Beinen. Und sie rannten und rannten und wenn Charlie merkte, dass sein Freund Schlapp machen könnte, schubste er ihn mit seiner Schnauze an, denn er wusste jetzt gibt es kein Zurück mehr, denn die Folgen für beide wären bestimmt furchtbar.

 

                        

 

Um sie herum war alles grün. Sie genossen dieses reizvolle Unbekannte.

 

 Wären sie Menschen gewesen, hätten sie gewusst, dass sie Deutschland bereits verlassen hatten und im Elsass unterwegs waren.  Doch das alles war für die beiden nicht wichtig. Hauptsache, dass sie endlich frei waren und sie genossen die Freiheit in vollen Zügen.

 

Plötzlich tat sich vor ihnen eine breite Straße auf, die in Bewegung war. Als sie näher kamen, merkten sie, dass diese aus Wasser bestand, das friedlich vor sich hin floss (die Ill). So etwas hatten sie noch nie gesehen. Man hatte ihnen bis jetzt die Natur vorenthalten, jetzt waren sie dabei, diese vorsichtig zu entdecken. Sie näherten sich vorsichtig dem feuchten Element und waren hocherfreut, dass sie ihren Durst stillen konnten. Charlie war mutiger, er tastete zuerst mit den Vorderbeinen das Unbekannte ab und wagte sich dann immer tiefer in das Wasser hinein. Als er nicht mehr stehen konnte, begann er zu paddeln, seine Beine führten rhythmische Bewegungen aus, er schwamm. Lovebird versuchte es ihm nachzumachen, er traute sich aber nur bis zum Bauch ins Wasser und war auch durch Charlies übermütiges Gebelle nicht dazu zu bewegen, diesem zu folgen.

 

Völlig übermüdet und mit knurrendem Magen legten sie sich in das hohe Gras und Charlie schlief sofort ein. Lovebird war zu aufgeregt, um zu schlafen. Er lag lange wach und lauschte dem Gesang der Nachtigallen aus dem nahen Gestrüpp und blinzelte den Sternen zu. Er schlief spät ein und wahrscheinlich träumte er von den weichen Händen der kleinen Rachel aus Matlock. 

 



Als er am Morgen wach wurde, kam ihm Charlie mit einem toten Kaninchen im Fang entgegen.

 

Er hatte sich das Jagen an Mäusen und Ratten auf dem verwilderten Schulhof aus Langeweile selbst beigebracht. Lovebird der zeitlebens nur Fertigfutter kannte, schien sich vor dem Kaninchenfleisch zu ekeln. Da er aber einen Bärenhunger hatte, leckte er vorsichtig an einer Keule. Er musste feststellen, dass ihm bis jetzt scheinbar einiges entgangen ist und er schlug zu. Charlie war zufrieden und nach dem ausgiebigen Frühstück dösten sie noch ein Stündchen in der Sonne, dann brachen sie auf.

 

Sie liefen den ganzen Tag. Charlie war keine Müdigkeit anzumerken. Seinem  kleinen drahtigen Körper    schienen diese Strapazen nichts auszumachen. Lovebird war bereits am Nachmittag so erschöpft, so dass sei beschlossen in der Nähe eines Sees Rast einzulegen. Lovebird kühlte sich seine wundgelaufenen Pfoten im Wasser und er verkroch sich im Gebüsch, um etwas zu schlafen.

 

Charlie aber tänzelte umher und hob ständig seine Nase in den Wind.  Ein Duft,  der aus der Ferne kam und den er kannte, aber nicht zuordnen konnte, hatte es ihm angetan. Er ließ Lovebird  weiter schlafen und „arbeitete sich“ dem Duft entgegen.

 

Hinter einem Wäldchen stieß er auf einen Campingplatz und er sah viele muntere Menschen, die dabei waren, den Grill für den Abend vorzubereiten.  Jetzt konnte er den wunderbaren Duft einordnen.  Neben dem verlassenen Schulgelände gab es eine heruntergekommene Gaststätte, die den gleichen Geruch ausströmte und manchmal kippte eine der Kellnerinnen, die mit den Hunden Mitleid hatte, eine  Ladung gebratenes halb verdorbenes Fleisch und  Knochen über den Zaun. Es kam dann unter den Hunden zu einem furchtbaren Gerangel, doch Charlie gelang es stets, einen ordentlichen  Happen zu erwischen.

 

Also schlich er sich jetzt an den Campingplatz heran. Er war gerade dabei nach einer Stelle im Zaun zu suchen, denn der Geruch hatte es ihm angetan, als er auf eine Kinderschar stieß, die außerhalb des Platzes schreiend einem runden Gegenstand hinterher rannte.

 

Nur ein kleines Mädchen mit roten Haaren und Sommersprossen saß still und nachdenklich im hohen Gras. Sein Herz begann heftig zu klopfen und alle Erinnerungen an Bridget waren wieder da.

 

Das Mädchen bemerkte auch ihn und rief ihm etwas in einer Sprache, die er noch nie gehört hatte, zu. Sie lächelte freundlich und Charlie robbte auf dem Bauch langsam auf sie zu. Er legte sich still neben sie und sie strich ihm sanft über den Kopf. Am Geruch ihrer Hand erkannte er, dass  es nicht Bridget war, aber es war wunderbar. Er hatte den Duft der Grillwürste vergessen, er hatte die ganze Welt vergessen, sogar Lovebird. Er dachte „sich nur nicht bewegen, dann wird dieser Augenblick nie zu Ende gehen“.

 

Das Ende kam durch die schrille Stimme einer Frau, die plötzlich vor ihnen stand und das Mädchen anfuhr: „Kannst du nicht wenigstens den Tisch decken, schon wieder hast du einen Köter gefunden, der ist bestimmt voller Flöhe. Wie oft habe ich die gesagt, dass man keine Hunde anfasst.“

 

Das Mädchen erhob sich, sah noch einmal zu Charlie hinunter und folgte traurig ihrer Mutter.

 

Dieser sah ihr nach und blieb noch etwas liegen, er konnte sich nicht so plötzlich aus seinem Traum reißen.

 

Später suchte er  Lovebird und sie kehrten zum Campingplatz zurück. Als die Menschen sich zu später Stunde in ihre Wohnwägen verzogen hatten, räumten sie im Nu die Reste von sämtlichen Grills und anschließend verzogen sie sich  müde  ins Gebüsch am See.

 

Als Charlie wach wurde, war Lovebird schon dabei seinen Durst zu stillen, das gewürzte  Fleisch, das er nicht kannte, war scheinbar zu viel des Guten.

 

Mit der Sonne zogen sie weiter. Ohne zu wissen, überquerten sie das Dreiländereck und sie waren in der Schweiz. Wenn sie ein Schild mit einem rot umrandeten Schäferhundekopf  sahen, zogen sie zügig weiter. Ihr Gefühl sagte ihnen, dass es so besser wäre.

 

Sie lebten in den Tag hinein. Von Zeit zu Zeit erwischte Charlie wieder mal ein Kaninchen oder sie trafen in kleinen Dörfern auf spielende Kinder, manchmal sogar im Schulhof, die ihr Pausenbrot mit ihnen teilten. Nach einiger Zeit kannten sie schon das Klingelzeichen der Schulglocken und waren pünktlich zur Stelle. Denn neben Käsebrot gab es häufig auch Schmuseportionen. Die kleinen Kinderhände hatten es ihnen angetan. Die meisten Lehrer störte das nicht, es gab natürlich auch welche, die sie verscheuchten. Dann zogen sie einfach weiter.

 

Als sie eines Morgens unsanft durch das Motorengeratter eines Traktors geweckt wurden und sie ihre  Reise fortsetzten, blieben sie nach einiger Zeit plötzlich beide wie angewurzelt stehen. Von weitem klang ihnen ein vertrautes Gebelle entgegen.  Das waren Setterstimmen, wie sie sie von eh und je kannten. Sie pirschten sich langsam an einen Bauernhof heran und hofften nicht entdeckt zu werden.

 

Zu spät, denn über dem Lattenzaun räkelten  sich mehr als ein Dutzend Setterköpfe, die mit einem freudigen Gebell ihre Artgenossen begrüßten.

 

Eine Frau öffnete die Eingangstür und schimpfte mit ihren Hunden: „Habt ihr mal wieder die  verwilderte Katze im Visier, der ich eine Schale Milch vor das Tor gestellt habe, sie hat eben auch Hunger…“ Als sie Charlie und Lovebird sah, unterbrach sie ihre Moralpredigt und rief:   „Ihr seht aber sehr mitgenommen aus, wo kommt ihr denn her? Herein mit euch!“

 

Sie öffnete das Tor und die beiden Halbstarken schoben sich durch die Schar neugieriger Hunde, die wie ein Empfangskomitee Spalier standen. Die beiden wurden von allen beschnuppert, was besonders Charlie etwas nervte. Als die Frau ihnen aber eine Schüssel mit Wasser brachte, stürzten sie sich darauf. Die gewürzten Würstchen, die sie vom Grill geräumt hatten, lagen ihnen immer noch im Magen.  Die anderen hatten ihre Neugier befriedigt und ließen von ihnen ab. Nachdem sie ausgiebig getrunken hatten, suchten sie sich einen schattigen Platz in der Scheune und schliefen zuerst mal eine Runde.

 

Sie wurden  aber von dem Blöken einiger neugieriger Schafe, die um sie herum standen  unsanft geweckt. Charlie kläffte sie sofort an, da er diese Wesen nicht kannte, Lovebird beruhigte ihn aber,  er wusste, dass sie harmlos sind, da er ihnen als Welpe auf  Rachels Arm auf den Wiesen von Matlock beim Grasen zusah.

 

An diesem Abend machten sie noch die Bekanntschaft anderer Tiere, die auf dem Bauernhof lebten.

 

Da war ein aufgescheuchter Hahn mit seinen  acht Hennen, die sich wohlweislich vor Charlie in Sicherheit brachten, zwei Rinder mit langen Hörnern, die die beiden Ankömmlinge respektvoll musterten und die drei Katzen, die frech fauchten, wenn die Neuen ihnen zu nahe kamen.

 

Die  Frau, die ihnen das Tor geöffnet hatte, verfolgte vom offenen Fenster amüsiert das Schauspiel. Später kam sie mit einem Kamm und einer Bürste und säuberte beiden das Fell von den lästigen Kletten und Gräsern.  Besonders Charlie, der so etwas nicht kannte, musste die Frau gut zureden. Die warme Hand, die von Zeit zu Zeit über seinen Kopf strich, entschädigte ihn für die unangenehme Prozedur.

 

Lovebird wurde  zwar von Herrn Hüpfer vor Ausstellungen mit Schere und Kamm „zurecht gemacht“, und das war wahrlich nicht angenehm, so dass er jetzt die Handgriffe der Frau als Wohltat empfand.

 

Der wahre Grund für seine stoische Ruhe war aber eine junge Setterhündin, Feja, die stets seine Nähe suchte und die das Geschehen beobachtete. Sie nahm jede Gelegenheit wahr, um sich in Lovebirds Nähe aufzuhalten.

 

Während Lovebird zurechtgemacht wurde, beobachtete Charlie unentwegt den alten Setterrüden, der scheinbar von den Ankömmlingen nicht begeistert war und Konkurrenz „witterte“, womit er Recht haben sollte.

 

Charlie hatte solche Rivalitäten auf dem alten Schulgelände oft erlebt und gelernt, sich in Zurückhaltung zu „ üben“, denn Kämpfe zwischen zwei eifersüchtigen Rüden enden fast immer blutig.

 

Heute waren seine Befürchtungen aber unbegründet, denn die Frau verstand es, durch Zureden den alten Kerl zu beruhigen. „Sicher ist sicher“, dachte sie aber dennoch und nahm ihn  mit ins Haus.

 

Als ihr Mann am Mittag aus Zürich zurückkam und den „Zuwachs“ sah, schien er nicht überrascht, er strich den beiden sanft über den Kopf und sagte: „Gut, dass ihr bei Ursula gelandet seid, ihr werdet es gut bei uns haben.“ Anschließend verschwand er wieder in seinem Agrarlabor, das in einem Teil des stattlichen Bauernhofs untergebracht war.

 

Am folgenden Wochenende kam die Enkeltochter Hella aus der Stadt zu Besuch. Es war für sie selbstverständlich bei der Pflege der Tiere mitzuhelfen. Sie  entdeckte die beiden Neuen sofort und widmete ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit. Lovebird genoss diese  Zuwendung in vollen Zügen. Er versuchte immer wieder auf ihren Schoß zu klettern, wie er es als Welpe bei Rachel getan hatte.

 

Auch Charlie wollte etwas von Hellas Gunst abbekommen. Er drückte seinen Kopf ganz fest an das Mädchen. Als es ihm nicht gelang, Lovebird zu verdrängen, legte er sich einfach auf Hellas Füße. Es dauerte nicht lange und er schlief ein.

 

Ursula und ihr Mann amüsierten sich über das Spektakel und letztendlich befreiten sie Hella von der Belagerung der beiden. Der alte Rüde Fame, der gewohnt war Hellas „Liebe“ in Anspruch zu nehmen und der das Treiben nicht gerade wohlwollend beobachtete, war jetzt  wieder entspannt und setzte seinen Mittagsschlaf fort.

 

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch für die beiden Ausreißer. Sie waren glücklich.

 

Lovebird hatte endlich das Gefühl, angekommen zu sein und als sich am Abend sein Schwarm Feja auf seiner Decke breit machte und ihm dabei nur noch einen Zipfel davon übrig ließ, war für ihn die Welt in Ordnung.

 

Charlie, den das Abenteuer,  die Felder und Wälder zu durchstreifen, schon noch reizen würde, hatte aber keine Wahl. Er musste auf Lovebird aufpassen, denn aus seiner „Rudelerfahrung“ heraus, traute er dem alten Fame nicht und wenn er sich nicht beobachtet fühlte, sah er dem alten Kerl direkt in die Augen. Dieses Drohstarren hatte ihm während seines „Zwingerdaseins“ auf dem ehemaligen Schulgelände manch einen streitsüchtigen Jungrüden vom Hals gehalten.

 

Im Notfall müsste er Lovebird verteidigen, denn seit ihrer gemeinsamen Fahrt im dunklen Laster  auf der Fähre zwischen Dover und Calais fühlte er sich für ihn verantwortlich.

 

Die nächsten Tage wurde ihre Freundschaft zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt, denn Lovebird hatte nur noch Augen für Feja.

 

Charlie musste insgeheim  zugeben, dass dieser  unwiderstehliche Geruch, der von Feja ausging, einen Rüden schon „kirre“ machen konnte.  Er wusste, dass jetzt der alte Fame unberechenbar werden könnte und Lovebird in höchster Gefahr war. Deshalb ließ er den Alten nicht aus den Augen.

 

Eines Morgens, als Ursula den Kaffeetisch deckte und noch etwas verschlafen in den Garten blickte, fiel ihr vor Schreck die Kaffeetasse aus der Hand. Sie stieß einen Schrei aus, so dass ihr Mann Noldi erschrocken herbeieilte. Beide starrten durch das Fenster in den Garten. Hier standen Lovebird und Feja eng beieinander und schauten verklärt Richtung Küche.

 

„Und jetzt? Wir wollten doch keine Welpen mehr“ sagte Ursula. Ihr Mann Noldi erwiderte in seiner ruhigen Art: „Jetzt ist es wohl zu spät. Hella wird sich freuen und du, wie ich dich kenne, auch.“ Er nahm sich eine Tasse Kaffee und verzog sich mit einem  versteckten Lächeln in sein Labor.

 

Nach einigen Tagen schien Fejas Liebe abzuflauen und sie knurrte Lovebird sogar an, wenn er ihr zu nahe kam. ( So ist es nun mal bei Tieren).  Dieser  war etwas enttäuscht und er kehrte fast reumütig an die Seite von Charlie zurück.

 

Charlie war nicht nachtragend, im Gegenteil, er freute sich mächtig, als sein  Freund wieder seine Nähe suchte.

 

Auch der alte Fame beruhigte sich wieder. Er ignorierte die beiden Neuen einfach und verzog  sich, so oft es ihm möglich war, in das Arbeitszimmer  von Noldi im Labor. Hier hatte von allen Vierbeinern nur er Zutritt.

 

Die folgenden Wochen waren für alle unspektakulär, aber auch schön. Diese friedliche Stille wurde nur gelegentlich getrübt, wenn ein Bussard vorbeiflog und die Hühner ordentlich in Aufruhr gerieten oder wenn der Postbote kam und die Hundeschar  sich verpflichtet fühlte, diesen Ursula zu melden.

 

Feja aber wurde immer runder und sie fand an dem Treiben im Garten immer weniger Gefallen. Ihr Lieblingsplatz war jetzt der Teppich, den Ursula für sie unter den großen Küchentisch, an dem am Wochenende die ganze Familie Platz nahm, zurechtgelegt hatte. Feja  fühlte sich jetzt einfach in der Gesellschaft der Menschen wohler und sie wurde von  Hella, die jetzt jedes Wochenende auf dem Bauernhof verbrachte, rührend umsorgt. Sie streichelte Feja den Bauch  und jedes Mal jauchzte sie auf, wenn sie spürte, dass ein Welpe sich bewegte.

 

Lovebird sah sie nur noch, wenn sie sich an sonnigen Tagen in das Gras unter den schattigen Birnbaum legte, um etwas zu schlafen. Manchmal aber suchte sie wieder seine Nähe und er war überglücklich. Er schleckte ganz hingebungsvoll ihre Ohren. Wenn es ihr zu viel wurde, kehrte sie in die Küche zurück. Darüber freute sich besonders Charlie, denn das „Spektakel“ ging ihm mächtig auf die Nerven.

 

An den folgenden Tagen waren Ursula und Noldi dabei, eine Wurfkiste zu basteln. Die Arbeit im Labor musste warten, es gab jetzt Wichtigeres zu tun. Nur der alte Fame hielt jetzt im Labor die Stellung und wenn er launisch war, erlaubte er selbst Noldis Mitarbeiter nicht, dessen Arbeitszimmer zu betreten.

 

Eines Abends spürte Lovebird, dass etwas „in der  Luft lag“. Ursula rannte aufgeregt umher, sie vergaß sogar, als es Nacht wurde, die Tür des Hundezimmers  zu verschließen, so dass sich Lovebird  in den Garten schlich, um durch das halb geöffnete Fenster mitzubekommen, was sich in der Küche tat. Charlie folgte ihm.

 

Regungslos standen beide unter dem Küchenfenster und lauschten.

 

Nachts gegen halb zwölf hörten sie ein leises Fiepen, das immer lauter wurde und dann ein zweites und ein drittes. Zuletzt war es ein ganzes Fiepkonzert, das aus der Küche drang.

 

Als gegen Morgen Ursula die Tür der Küche zum Garten öffnete um mit der erschöpften Feja einen Gang durch den Garten zu machen, entdeckte sie die beiden.

 

 „Euch können wir jetzt gar nicht gebrauchen“, rief sie amüsiert, verscheuchte die beiden ins Hundezimmer und schob den Riegel vor.

 
Am nächsten Morgen durfte Lovebird seine Kinder natürlich sehen. Feja lag noch müde in der Wurfkiste. Als sie Lovebird sah, bewegte sich leicht ihre Rute, dann schlief sie wieder ein.  In der Wurfkiste lagen neun kräftige Welpen, 5 Mädchen und vier Jungs, die auf den  Schlaf  ihrer Mutter keine Rücksicht nahmen und kräftig fiepend deren  Zitzen  „bearbeiteten“.

 

Lovebird näherte sich bedächtig seiner Kinderschar und bevor Ursula die Besuchszeit als beendet erklärte,  gelang es ihm noch,  einen kleinen Rüden mit einem weißen Fleck auf der Brust mit seiner Schnauze sanft zu berühren.

 

Hella beschloss, diese Sommerferien bei ihren Großeltern zu verbringen und auf den Badeurlaub am Lago Maggiore zu verzichten. Ihre Begründung: „Oma, Feja und die Welpen  brauchen mich.“ Auch Ursula und Noldi freuten sich, als Hellas Eltern zustimmten.

 

Sie kümmerte sich rührend um die Welpen, legte sie abwechselnd an die hinteren Zitzen der Hündin, die prall mit Milch gefüllt waren und  streichelte ihnen den Bauch, um die Mutter zu entlasten. Gelegentlich saugte sich ein Welpe an ihrem Finger fest, da sie diesen mit den Zitzen verwechselten, denn noch waren ihre Augen geschlossen.

 

Manchmal schlichen  sich Lovebird und Charlie an die Küchentür. Sie beobachteten das Treiben in der Wurfkiste. Vielleicht kamen in solchen Augenblicken Erinnerungen bei Lovebird   an Rachel und bei Charlie an Bridget hoch.

 

Wenn Hella die beiden heimlichen „Zuschauer“ sah, eilte sie zur Tür und strich ihnen mit ihrer kleinen Hand über den Kopf.  Das machte sie glücklich und sie trollten sich.

 

Mit vierzehn Tagen öffneten die Welpen ihre Augen und wenn Lovebird und Charlie sich wieder mal in die Küche schlichen, wurden sie von der Welpenschar schon mal mit einem heiseren Bellen empfangen. Besonders der kleine Rüde mit dem weißen Fleck musterte sie, so als wollte er fragen, welcher von den beiden wohl sein Vater sei.

 

Zwei Wochen später wurden sie von Hella einzeln in den Garten gebracht. Die erwachsenen Hunde beschnupperten die Kleinen und verloren schnell das Interesse an den Rabauken, die ihnen mit ihren kleinen spitzen Zähnen ziemlich zusetzten.

 

Auch Feja war froh, sie mal für eine Zeit vom Hals zu haben. Sie schlich sich, wenn die Küchentür offen war, auf ihren Teppich in die Küche zurück.

 

Nur Lovebird konnte nicht genug von den Kleinen bekommen. Er tobte mit ihnen bis zur Erschöpfung.

 

Sie bissen sich an seinen Ohren und seiner Rute fest und ließen sich von ihm hinterherziehen.

 

Wenn Ursula und Hella beim Einkaufen waren, hatten in erster Reihe  die Hausenten das Nachsehen.

 

Jetzt gesellte sich auch Charlie zu der verrückten Meute und führte den Kleinen stolz seine Vorstehmanieren vor. Als die Kleinen an den Schwanzfedern der Hühner Gefallen fanden, war der Spaß aber begrenzt, denn der riesige weiße Hahn  verteidigte sein Harem vehement gegen die Übergriffe der kleinen Rabauken.

 

Auch Ursula griff ein, wenn  das Treiben zu bunt wurde.

 

Mit acht Wochen waren die Kleinen kaum noch zu bändigen. Sie gruben sich kleine Höhlen in die Blumenbeete und verteidigten diese laut kläffend gegen jeden „Eindringling“.

 

Wenn sie Lovebird zu stark zusetzten, knurrte er schon mal mächtig, um den Übermut seiner Kinderschar etwas zu bremsen. Charlie sah dem Treiben zu, er genoss ebenfalls  diese unbeschwerte Zeit. Die monotonen Monate  in der verlassenen Schule mit dem schlechten Geruch der Jungentoiletten, die kargen Mahlzeiten, ja sogar die Tortur mit dem Elektrohalsband, alles gehörte der Vergangenheit an. Diesen Menschen  konnte man vertrauen, hier fühlte man sich zu Hause.

 

Nur manchmal, wenn er sich von allen unbeobachtet fühlte, stand er am Gartenzaun und sog den Duft der Wildnis ein.

 

Wenn er dann wieder von Hella in den Arm genommen wurde, hatte er scheinbar ein schlechtes Gewissen und er wollte ja nicht undankbar sein. Als Zeichen seiner Zuneigung schleckte er innbrünstig Hellas Handfläche.

 

An einem verregneten Morgen waren Chalie und Lovebird allein im Garten. Hella schlief an diesem Tag etwas länger, Ursula bereitete das Frühstück vor und Noldi las, wie jeden Morgen, seine Zeitung. Die anderen erwachsenen Hunde, aber auch die Welpen, zogen es vor in der warmen Küche vor sich hin zu dösen.

 

Die beiden Freunde trabten gemächlich am Gartenzaun entlang und genossen es, allein zu sein.

 

Plötzlich hielt ein weißer Lieferwagen vor dem Tor, zwei Männer stiegen aus und näherten sich dem Grundstück.

 

Das süßliche Parfüm von Hüpfer und der herbe Geruch von Grunz‘ Lederjanker eilte ihnen voraus.

 

Die beiden Hundenasen fingen sie auf und sie wussten, dass ihnen höchste Gefahr drohte.

 

Instinktiv  versuchte Charlie über den Gartenzaun zu springen in der Hoffnung, dass ihm Lovebird folgen werde. Doch dieser rannte bellend in Richtung Küche, um seine Welpen zu beschützen.

 

Als Charlie das sah, folgte er seinem Freund.  

 

Als die Haustürglocke ertönte, öffnete  Ursula die Tür, um nachzusehen  ob einer von Noldis Mitarbeiter wieder seinen Schlüssel vergessen hatte, denn das kam öfter vor. Charlie und Lovebird  schossen an ihr vorbei und verkrochen sich unter dem Küchentisch. Noldi konnte dieses Verhalten nicht deuten und ging ebenfalls zur Tür, um den Grund für diese Hektik zu erfahren.

 

„Wir haben sie gesehen, wir lassen uns nicht täuschen“, rief Grunz aufgeregt und Hüpfer nickte beflissen. Ursula und Noldi konnten sich noch immer „keinen Reim“ auf diesen morgendlichen „Besuch“ machen.

 

„Zuerst einmal Guten Morgen und jetzt klären Sie uns auf, welchem  Anlass wir diesen „Überfall“ verdanken “, erwiderte Ursula. Das Gespräch fand über den Gartenzaun statt. Normalerweise sind Ursula und Noldi freundliche Menschen und bitten den Besuch zuerst ins Haus. Scheinbar wussten sie aber, dass diesmal Vorsicht geboten ist.

 

Herr Hüpfer, der sich mal wieder weltmännisch geben wollte, begann mit seinem Vortrag:

 

„Wir sind Ihnen zu höchstem Dank verpflichtet, dass Sie die Ausreißer aufgenommen haben, wir werden für die Futterkosten aufkommen. Es sind wertvolle Tiere, die wir für teures Geld gekauft haben, sehr gutes Zuchtmaterial, das bei Ihnen ungenutzt verkommt und das bei uns ordentlich Deckgebühren einbringen wird.“

 

Noldi, der längst verstanden hatte, worum es ging, hatte das Gefasel satt und obwohl Unhöflichkeiten ihm nicht liegen, beendete er den Auftritt:

 

„Meine Herren verlassen Sie unser Grundstück, wir können Ihnen nicht weiterhelfen.“

 

Grunz in seiner einfach gestrickten Art polterte los, dass das Zurückhalten der beiden Hunde Diebstahl wäre und sie sich an die Kantonalpolizei wenden werden.

 

Stunden später kamen sie mit zwei Beamten wieder, denen die Angelegenheit sehr peinlich war. Sie kannten Noldi als einen seriösen Mann, den sie achteten.

 

Sie legten eine Eidestattliche Erklärung vor, die von Hüpfer und Grunz unterzeichnet war und die aussagte, dass sie die rechtmäßigen Besitzer der beiden Hunde wären.

 

Noldi überflog dieses einfach verfasste orthographisch bedauernswerte Papier und reichte es dem Beamten zurück.

 

Einer der Polizisten, der helfen wollte, machte den Vorschlag, die beiden Hunde bis zur endgültigen Klärung im Tierheim unterzubringen.

 

Davon hielt Noldi aber gar nichts und nach einem gescheiterten Versuch die  Tiere, den beiden abzukaufen, fanden sich Lovebird und Charlie  vor Angst zitternd  im weißen, dunklen Transporter wieder.

 

Von einem Tag zum anderen hatte sich in ihrem Leben alles verändert. Gestern tobten sie noch mit den Welpen im Garten und Lovebird war so stolz, dass Feja, die wieder bei vollen Kräften war, ihnen dabei zusah.

 

Und Charlie dachte nur an die warmen Hände von Hella, die das ganze Leid, das ihm auf der Zwingeranlage widerfahren ist, abstreiften und wegzauberten.

 

Wie bei der nächtlichen Überfahrt auf der Fähre von Dover nach Calais kauerten sie sich sitzend aneinander. An Liegen war nicht zu denken, da der Blechboden des Fahrzeugs wie damals streng nach Urin roch.

 

Und wieder weinte ein kleines Mädchen, diesmal in der Schweiz, bitterlich. Feja, die nicht verstand, was vorgefallen war, stand am Gartenzaun und blickte unentwegt in Richtung Straße. 

 

Hella hatte sich nach diesem Vorfall zum ersten Mal in den Ferien mit einem Buch in den letzten Winkel des Gartens zurückgezogen. Sie wollte allein sein.

 

Ursula ging es nicht anders, gut, dass es die Welpen gab, die sie etwas ablenkten.  Sie streichelte sie alle einzeln über den Kopf. Als der Rüde mit dem weißen Fleck an der Reihe war, hielt sie inne. Ein kleines Lächeln huschte über ihr trauriges Gesicht. Sie sah Noldi an, der sich auf der Küchenbank niedergelassen hatte, und ohne ein Wort zu sprechen, verstanden sich beide.

 

Ursula nahm den Welpen auf den Arm und sie gingen in den Garten auf der Suche nach Hella.

 

Als sie sie fanden, legten sie  Hella den Welpen in den Arm und gingen wieder. Fast beiläufig sagte Noldi:“Es ist Lovebird Junior, natürlich nur solange bis du einen anderen Namen für ihn gefunden hast. Ab heute gehört er dir. Du weißt ein Hund bedeutet auch viel Verantwortung. Doch du wirst es schaffen, schließlich bist du ja unsere Enkeltochter, auf die wir sehr stolz sind.“

 

Hella drückte den Kleinen fest an sich. Für einen Augenblick war sie wieder glücklich.

 

Nach Stunden der Fahrt hielt der weiße Lieferwagen auf einer Wiese neben einem großen Transporter, aus dem es kläffte, was das Zeug hielt. Zwischendurch war aus dem Inneren des riesigen Fahrzeugs auch ein klägliches Winseln zu hören.

 

Die Tür des Lieferwagens wurde aufgerissen und Charlie und Lovebird mit Würgeleinen nach draußen gezogen. Ein gut gelaunter Mann in Gummistiefel kam auf sie zu.

 

 „Das sind also die „Weltenbummler“  und das ist der berühmte Charlie, wir werden ihn kurieren“, sagte er zu Grunz, den er scheinbar besser kannte. Grunz nickte. Lovebird wurde von dem Fremden keines Blickes gewürdigt.

 

Der Mann nahm aus seinem Rucksack ein Elektrohalsband und legte es Charlie an. Charlie wusste jetzt,  dass höchste Vorsicht geboten war.  Der furchtbare Schmerz, der ihm  dieses Gerät bei seinem ersten „Ausflug in die Natur“ mit Grunz  verursacht hatte, saß ihm immer noch in den Gliedern.

 

Und die Menschen um ihn herum taten  so, als ob dies die normalste Erziehungsmethode der Welt sei. Der Stiefelmann hatte einige Bierflaschen aus dem Auto geholt und alle warteten gespannt, dass Charlie einen „Fehler macht“, das heißt das Weite sucht.

 

(Den Biergeruch kannte Charlie von der Kneipe neben dem alten Schulhof. Also waren sie wieder in Deutschland.)

 

Nach dieser furchtbaren Fahrt hätte er gerne mal auf dieser Wiese „eine Runde gedreht“, doch diesen Gefallen wird er ihnen nicht tun. Sie würden sich köstlich amüsieren, wenn er vor Schmerz aufjault.  Also erledigte er nur sein Geschäft und blieb zitternd neben Lovebird stehen.

 

Auch ihm wurde so ein Gerät angelegt, aber Lovebird erkannte instinktiv an Charlies Reaktion,  dass dieses Ding gefährlich sein muss. Also blieb er in Charlies Nähe und hob nur notdürftig sein Bein an einem Grasbüschel am Wegrand.

 

Enttäuscht drehten sich die Männer von den Hunden weg. Der Mann in Gummistiefel  wandte sich wieder den  beiden  anderen  zu:

 

„Der eine kennt das Ding und ist vorsichtig, der andere ist zu blöd um abzuhauen.  Wenn sie spurten, ist für sie alles in Ordnung und für mich auch.

 

Also kommen wir zum Geschäftlichen.  Ich werde den Kleinen zum Jagdhund ausbilden. Wie sie mir versichern, hat er das Zeug dazu. Was ich aber mit dem Großen machen soll, müssen Sie mir erklären. Man müsste ihm zuerst die Haare abscheren und ihn flott machen, vielleicht ihn mit dem Kleinen zusammen trainieren, denn an diesem scheint er ja zu hängen. Auf jeden Fall werde ich den beiden Manieren beibringen, dass sie in ihren kühnsten Träumen nicht mehr daran denken werden auszubüchsen. Morgen fahren wir los Richtung Spanien, herrliche Jagdreviere zum Trainieren“.

 

Nachdem er sich mit Grunz und Hüpfer über den Preis geeinigt hatte, wies er seinen Helfer an, die beiden in den Transporter zu bringen.

 

Als die Tür geöffnet wurde, offenbarte sich für die beiden das Inferno:  Auf beiden Seiten übereinander gestapelt je zehn Transportboxen, alle gerade so groß, dass ein Hund darin liegen  konnte, aber nicht stehen.  Plötzlich jaulten alle „Käfighunde“ los, denn sie dachten, dass sie  endlich für einige Minuten ins Freie kämen.

 

„Fehlalarm, ihr Knastbrüder, heute gibt es keinen Freigang mehr“, rief ihnen der Helfer spöttisch zu.

 

Drei English Setter,  zwei Pointer, zwei Drahthaar und ein Kurzhaar waren die Insassen dieses Infernos.

 

„Verfrachte die Neuen in die leere Doppelbox, die anderen sind sowieso belegt. Das passt gut, denn der eine ist zu groß für eine normale Box und der andere braucht wenig Platz“ ,  rief der  Mann seinem Helfer  zu. Dieser verstand bei dem ohrenbetäubenden Lärm zwar nur die Hälfte, tat aber für Charlie und Lovebird das Richtige.

 

Auf dem  Boden der Box war  Stroh   aufgeschüttet und sogar ein Wassernapf hing an der Tür.

 

Auch dieser Transportkäfig war nicht geräumig und normalerweise nur für eine kurze Fahrt für einen mittelgroßen Hund gedacht.

 

Die Enge  war aber für Charlie und Lovebird kein Problem. Sie schmiegten sich aneinander und schliefen sofort  ein.

 

Etwas später setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Jetzt wäre im Normalfall an Schlafen nicht mehr zu denken.

 

Motorenlärm, schlechte Luft durch eine fehlende Lüftung im Innenraum, das Knurren zweier Boxennachbarn, die sich scheinbar nicht leiden konnten, das Fiepen einer jungen Hündin, die Schmerzen hatte, da sie sich am Tag davor im Stacheldraht verfing, das war für Charlie und Lovebird das „Kontrastprogramm“ zu ihrer behüteten Welt auf dem Schweizer Bauernhof.

 

Lovebird träumte von seinen spielenden Welpen und Charlie hörte das Weinen von Hella beim Abschied und er spürte ganz deutlich ihre Hände, die versuchten ihn festzuhalten, als die unfreundlichen Männer Lovebird und ihn in den Lieferwagen zerrten.

 

Auch wenn der Transporter zwischendurch anhielt, blieben die beiden regungslos mit geschlossenen Augen liegen: „Nur nicht aufwachen  in dieser neuen, grauenvollen Welt.“

 

 

 

Am späten Abend hielt der Transporter auf dem Parkplatz einer  Gaststätte in der Nähe von Arles in Südfrankreich.

 

Die Hitze im Inneren des Fahrzeuges  war unerträglich.  Endlich öffnete der  Helfer die beiden Flügeltüren  und führte die Hunde an der Leine  einzeln auf eine angrenzende vertrocknete Wiese  am Rande eines Reisfeldes zum Lösen.

 

Lovebird und Charlie waren die letzten und er zog sie beide zusammen aus ihrer Box, er wollte endlich seine Arbeit beenden. Der Gummistiefelmann saß bereits mit einem Glas Rotwein auf der  Terrasse  der Gaststätte und flirtete mit der Bedienung.

 

Charlie reckte seine feine Nase in den heißen Wind, der ihnen kräftig entgegenwehte, und sog  die vielen fremden  Düfte auf.

 

Lovebird, der zwar total erschöpft war und der sich an seinen Freund drückte, merkte aber,  dass  Charlie hellwach war, sein Herz pochte, seine Muskeln spannten sich, diese fremde Welt hatte es ihm angetan.

 

Auch der Helfer merkte Charlies Regungen und er überprüfte die Funktion des Elektohalsbandes, indem er auf den Auslöser drückte. Charlie schrie auf, der Helfer lachte, doch nur für einen Augenblick, denn blitzschnell sprang Charlie wütend an ihm hoch und verbiss sich in seiner Jacke. Der Helfer verlor das Gleichgewicht und ging zu Boden.

 

Charlie  war nicht mehr bereit, all diese Demütigungen und Misshandlungen hinzunehmen. 

 

Der Gummistiefelmann beobachtete von der Terrasse   den Vorfall, eilte herbei und zog Charlie weg von seinem Helfer. Dieser brüllte, dass er Charlie erschießen werde und den Großen gleich mit.

 

Sein Chef, der scheinbar nicht aus Ruhe zu bringen war, erwiderte lachend:

 

„Das wirst du bleiben lassen, du hast ihn herausgefordert. Ich habe mit seinem Besitzer einen Vertrag und dieser hat Vorkasse geleistet, also beruhige dich und sei vorsichtig mit diesem Teufelskerl“.

 

Er  brachte  Charlie und Lovebird selbst in den Transporter, knallte die Tür der Box zu und raunte Charlie im Weggehen an: „Sei vorsichtig, ein zweites Mal lasse ich das nicht durchgehen, ich verpasse dir dann eine Kugel.“

 

Er ließ die eine Flügeltür des Fahrzeugs offen, da  diese Hitze im Innern unerträglich war und er seine „wertvolle Fracht“ in einem Monat wieder an ihre Besitzer aushändigen wollte. Dann ging er schnell wieder in Richtung Terrasse, denn die junge Kellnerin hatte es ihm angetan.

 

Diese höllischen Schmerzen, die das Elektrohalsband  an seinem  Hals verursacht hatte,  ließen Charlie auch in der Box nicht zur Ruhe kommen. Lovebird kauerte in einer Ecke und sah hilflos zu, wie sein Freund versuchte sich abzureagieren. Dieser drehte sich unentwegt in dem engen Käfig, scharrte mit seinen Pfoten das Stroh von einer Ecke zur anderen, um das Brennen an seinem Hals los zu werden. 

 

Und plötzlich, als bei seinen Bewegungen zufällig an die Käfigtür stieß, öffnete sich diese.

 

Verblüfft hielt er inne und  sah zu Lovebird, der auch sofort registrierte, dass die offene Hintertür  eine einmalige Chance war.

 

Fast gleichzeitig stürmten beide hinaus. Die Futterbehälter, die herumstanden, wurden durch die Gegend geschleudert, ein Wasserkanister fiel um, die zwei Englishsetter jaulten vor Schreck auf.

 

Charlie und Lovebird stürmten in die erneut gewonnene Freiheit, die sich so gut anfühlte, obwohl sie heiß und trocken war.

 

Und wieder rannten und rannten sie. Das Wasser, das noch in den Reisfeldern stand, war eine willkommene Kühlung. Sie überquerten eine kleine Straße, wateten durch einen halb ausgetrockneten Bach, bis sie einen großen undurchdringlichen Schilfgürtel erreichten und sich auf einer kleinen, trockenen Insel niederließen.

 

Hier waren sie sicher, hier würde sie niemand finden.

 

Die beiden Männer hatten  von dem Tumult im Transporter nichts mitbekommen. Der Stiefelmann war mit seiner Kellnerin beschäftigt und der Gehilfe betrank sich. Er hatte es immer noch nicht überwunden, dass ihm Charlie die Jacke zerfetzt hatte.  Ihm ging nur ein Gedanke durch den Kopf:

 

„Den werde ich mir morgen vorknöpfen, der wird sein blaues Wunder erleben!“

 

Als sie am Morgen beide noch etwas verschlafen mit dröhnendem Kopf  zum Transporter kamen, hatten sie ihr „Wunder“.

 

Der Helfer brüllte los und griff nach seiner Flinte:

 

„Ich erschieße sie beide, ich werde sie finden und dann gibt es keine Gnade!“

 

Der Stiefelmann blieb ruhig und er pfiff seinen Helfer zurück: „Der Kleine ist intelligenter als du. Die sind jetzt über alle Berge. Es war meine Schuld, ich hätte die Flügeltüren verschließen sollen, dann säßen sie jetzt in der Falle. Der dämliche Grunz, der in Spanien zu uns stoßen sollte,  wird am Flughafen von Valencia ganz schön staunen, wenn sein  Köter mal wieder ausgebüxt ist. Gut, dass ich für solche Fälle einen schlauen Passus im Vertrag habe. Und jetzt lass uns losfahren. Pinkelpause für die „Knastbrüder“ gibt es später.“

 

Der Transporter setzte sich in Bewegung Richtung Spanien und Charlie und Lovebird blinzelten aus ihrem Versteck der aufgehenden Sonne zu.

 

 

 

Die beiden waren vom hellen Licht des Südens regelrecht geblendet.

 

Sie schliefen bis zum Abend. Der Tag war zu heiß, um weiter zu ziehen. Als es kühler wurde, brachen sie auf und staunten ganz schön, als sie nach wenigen hundert Metern  an eine Wiese gelangten, die übersät war von grasenden Kaninchen.

 

Doch diese heile Welt hatte auch ihre Schattenseiten. Am Rande der Wiese hoppelten einige kleine Häschen wirr durch die Gegend. Sie waren fast erblindet und suchten verzweifelt nach Wasser. Sie litten unter  einer furchtbaren Krankheit, von Menschen „geschaffen“, um die Wildpopulation in Australien zu dezimieren und die in Europa zum gleichen Zweck bewusst eingeführt wurde. Die Hybris des Menschen, über die Natur zu bestimmen, kennt keine Grenzen. Charlie und Lovebird aber waren hungrig und sie griffen zu. Natürlich wussten sie nicht, dass sie dadurch das Leid der totgeweihten Tiere beendeten.

 

In Windeseile flüchteten die noch gesunden Tierchen in ihren Bau und die beiden Freunde zogen weiter.

                                                 

Aus der Ferne sahen sie die hohen Mauern einer beleuchteten Stadt mit einem hohen Turm und instinktiv machten sie einen Bogen um diese. Sie liefen die ganze Nacht durch. Wenn sie an Straßen kamen, warteten sie geduldig, bis die Lichtkegel der Scheinwerfer nicht mehr zu sehen waren, dann überquerten sie die Fahrbahn. Zwischendurch legten  sie eine Rast ein, um sich zu erfrischen. Die Landschaft war mit zahlreichen Seen bestückt, so dass es Wasser in Hülle und Fülle gab.

 

Gegen Morgen erreichten sie eine Anhöhe mit Weinbergen und einem Gebäude mit dicken alten Mauern. Wären sie Menschen gewesen, hätten sie gewusst, dass sie sich in einem alten Klosterhof befanden.

 

Es war eine herrliche Welt, friedlich und fast unberührt. Schwarze Weintrauben schimmerten durch die dunkelgrünen Blätter der Reben. Wildkräuter wuchsen hier ungebremst  und der Duft ihrer Blüten war betörend.

 

Zwischen den Weinstöcken tummelten sich Rothühner und Charlie war aus dem „Häuschen“. Aber jedes Mal, wenn er sich an sie heranschlich und zum Sprung ansetzte, verfiel Lovebird in ein dumpfes Jaulen und die Hühnchen flatterten davon. Dass er durch seine Warnungen Charlie zur Weißglut brachte, war ihm egal.  Diese kleinen herrlichen Geschöpfe hatten es ihm angetan.

 

Als die Sonne so richtig aufging, fielen ihre Strahlen auf das grünliche Meer, das den unteren Teil des Hügels eingrenzte und sie ließen es herrlich leuchten.

 

Die beiden waren neugierig und stürzten sich in die Fluten. Sie wollten endlich den beißenden Geruch, den es überall in dem Transporter gab und der sich in ihrem Fell festgesetzt hatte, loswerden.

 

                                                    

Der Geschmack des Wassers war für die beiden ungewohnt, denn es schmeckte nach Salz. 

 

Sie staunten nicht schlecht, als ihnen eine hohe Welle entgegenkam. Diese heranrollende Wassermasse versetzte Lovebird in Schrecken und er rannte zum Ufer.

 

Hier saß ein kleines Mädchen, sie  lachte laut und rief ihnen in einer fremden Sprache etwas zu. Wahrscheinlich amüsierte sie sich über den wasserscheuen Setter. Sie strich ihm sanft über die Stirn und zog ihn zu sich in den Sand, der mit grünen und braunen Steinen „gepflastert“ war.

 

Charlie eilte herbei und schmiegte sich von der anderen Seite an das Kind.

 

„Gut, dass ich zwei Hände habe“, muss  sie  wohl gesagt haben.  Sie zog mit ihren kleinen warmen Kinderhänden die beiden an sich heran.

 

Charlie hatte die Lider  halb geschlossen,  Lovebird sah mit seinen großen Kulleraugen voller Ehrfurcht das Mädchen an. Aus Angst, dass der Traum zu Ende sein könnte, wagten beide nicht, sich zu bewegen.

 

Eine junge Frau kam auf die drei  zu. Sie schien von dem Bild nicht überrascht zu sein.

 

„Hast du wieder Schützlinge entdeckt, um die du dich kümmern musst? Dein Vater wird  mal wieder staunen, aber er kann dir ja keinen Wunsch abschlagen. Also los lasst uns gehen.“ sagte sie zu ihrer Tochter Fleur, die der Vater liebevoll so nannte, weil sie angeblich so schön wie eine Blume war.

 

Der Vater des Mädchens war der Pächter des kleinen Restaurants am südlichen Teil der Klostermauer.

 

Er und seine Familie lebten in dem Anbau, der im Mittelalter die Schlafstätte der Pilgermönche war.

 

Er sah von oben die sonderbare Gruppe auf sein Lokal zusteuern und er rief seiner Tochter zu:

 

„Mon Dieu, Fleur, was bringst du mir da, wir haben doch schon den verletzten Reiher, das kleine Entenküken und die kranke Möwe in unserem kleinen Garten. Du weißt doch, dass hier im Naturschutzgebiet Hunde nicht erlaubt sind.“

 

Fleur drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und „flötete“:

 

„Lass das meine Sorge sein, wir haben Schulferien, ich habe viel Zeit, ich werde die beiden verstecken, wenn Gäste im Restaurant sind. Du sagst doch immer, dass Gesetze da sind, damit sie umgangen werden. Lass mich nur machen. Und jetzt rück etwas Essbares heraus, die beiden haben bestimmt Hunger.“

 

Der Vater konnte sich normalerweise gegen alle durchsetzen, sogar gegen den „borstigen“ Abt des Klosters. Gegen seine Tochter hatte er keine Chance. Also ging er in die Küche und kam mit einem Brot und Käseresten zurück.

 

Es folgten herrliche Tage.

 

Morgens streunten die  beiden Hunde mit Fleur durch die Weinberge oder sie sahen durch den Zaun den Pfauen im Klostergarten zu, wie sie angeberisch ihre Schwanzfedern zu einem Rad aufstülpten und dabei  schrille Laute von sich gaben. Mittags sah man die beiden mit Fleur am Meer. Wenn ihre Gönnerin nur einen Fuß ins Wasser setzte, folgten ihre Blicke unentwegt dem Mädchen und auch der wenig mutige Lovebird hätte sich „todesmutig“ in die Wellen gestürzt, wenn Fleur Gefahr gedroht hätte.

 

Abends, wenn die Gäste aus der nahen Großstadt kamen, brachte  Fleur die beiden in den Garten der Gaststätte.

 

Die Freude der anderen Gartenbewohner, die Fleur aufgenommen hatte, hielt sich in Grenzen. Man ging sich aus dem Weg. Lediglich der alte Reiher hakte gelegentlich mit seinen spitzen Schnabel nach ihnen. Wenn die letzten Besucher die Gaststätte verlassen hatten, öffnete Fleurs Vater das Gartentor und entließ die beiden in die Freiheit.

 

Diese waren zufrieden und dankbar. Immer, wenn sie in ihrem Leben von kaltherzigen Menschen misshandelt und gedemütigt wurden, fanden sich warme Kinderhände - die von Rachel, Bridget, Hella und jetzt Fleur- die ihnen sanft über den Kopf strichen und alles war vergessen.

 

Sie tauchten wieder ein in ein Leben, das von Geborgenheit und viel Freiheit geprägt war.

 

Tagsüber folgten sie Fleur auf Schritt und Tritt. Die Eltern amüsierten sich über die „Leibwächter“ ihrer Tochter. Insgeheim waren sie aber zufrieden, wenn Fleur nicht allein durch die wilde Landschaft strich. Sie war nämlich eine kleine Einzelgängerin und kannte jeden Baum und jeden Vogel des Anwesens rings um das Kloster.

 

Als der Vater seine Tochter mal wieder zu Gesicht bekam, erinnerte er sie daran, dass am folgenden Wochenende in der  Kleinstadt am Fuße des Klosters das Fest der Reiter und der Stiere stattfand. Fleur bestand  darauf, ihre beiden Begleiter mitzunehmen.

 

Das störte den Vater wenig, denn das Fest wurde auf der Wiese mit einem  Frühstück vor dem Stiertreiben eingeleitet und hier gab es neben den zahlreichen Menschen auch eine Vielzahl von Hunden, die mit den Kindern herumtollten.

 

„Alles andere wird sich ergeben“, meinte der Vater, denn er war froh, seine Familie dabei haben.

 

Als sie am folgenden Sonntag auf der Wiese ankamen, waren Charlie und Lovebird begeistert.

 

Der Duft von Bratwurst und Grillfleisch verfing sich in ihren Nasen. Das war auch für die beiden zu dieser Stunde etwas ungewöhnlich, aber es roch verführerisch und Charlie äugte schon nach einem unbewachten Grill, um ihn abzuräumen. Fleur schien seine Gedanken zu erraten und nahm ihn an die Leine.

 

„Du wirst noch genug abbekommen“,  meinte sie nur, zog die beiden weiter und sie präsentierte sie stolz ihren Freundinnen. Diese überhäuften Lovebird und Charlie mit ihren Streicheleinheiten.

 

So viel Kinderhände, das hätten die beiden sich niemals träumen lassen. Sie genossen den Morgen in vollen Zügen. Die anderen herumtollenden Hunde waren vergessen, ja sogar die Würste waren jetzt für Charlie nebensächlich.

 

Unweit der Wiese graste auf einer eingezäunten Fläche friedlich eine Herde schwarzer Stiere. Charlie waren sie nicht geheuer, besonders einen  alten Haudegen, der im Kampf bereits ein Horn eingebüßt haben musste, beobachtete er argwöhnisch.

 

Instinktiv merkte er, dass von dem schwarzen Koloss Gefahr ausgehen könnte, dann müsste er Fleur beschützen und er würde es tun.

 

Lovebird ergötzte sich am Spiel der Reiter mit ihren schneeweißen Pferden, die sich zum Spaß mal ein kurzes Rennen lieferten und besonders eine junge Amazone hatte es ihm angetan, da sie ihn unentwegt musterte. Wahrscheinlich stellte sie sich ihn als Reitbegleiter vor. Seine schlanke Gestalt und sein seidiges langes Haar hatten es ihr „angetan“.  Er war stolz über diese Aufmerksamkeit und trabte einige Augenblicke neben ihr her, um dann aber schnell wieder zu Fleur zurückzukehren. Schließlich wusste er, wo er hingehörte.

 

Fleur, die mit einem Auge seinen „Flirt“ beobachtete, verzieh ihm großzügig, was man von Charlie nicht behaupten kann, er ignorierte seinen Freund buchstäblich , indem er sich von ihm abwandte und noch konzentrierter den einhörnigen  Bullen fixierte.

 

Als das Wiesenfrühstück dem Ende  entgegenging und die übrig gebliebenen Stierwürste an die Hunde verteilt waren, war auch Charlie wieder gelassener. Mit vollem Magen wirken Gefahren kleiner, letztendlich hatte er Fleur ja auch alleine gründlich beschützt und schließlich war Lovebird ja sein Freund. Versöhnt brachen alle auf, nachdem die Reiter sich sieben der Stiere aus der Herde gegriffen hatten und sie in vollem Galopp Richtung Stadt trieben. Vergnügt stellte Charlie fest, dass der Einhörnige auch unter den ausgesuchten war. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte er bestimmt Genugtuung empfunden, dass es seinem vermeintlichen Feind an den Kragen ging. Er konnte ja auch nicht wissen, dass hier in der Arena die Stierkämpfe ein unblutiges Spiel  waren und  die Stiere gefeiert wurden und nicht die hochnäsigen  Toreros.

 

Unter Fanfarenklänge wurden einige Stiere in die Arena getrieben. Halbstarke sportliche Jungs in Weiß gekleidet versuchten den wilden Burschen Rosetten von den Hörnern zu pflücken, was die schlechtgelaunten schwarzen Temperamentsbolzen nicht einfach so akzeptierten. Sie schlugen die Jünglinge in die Flucht, die sich in letzter Not durch einen Sprung auf die  Balustrade retteten.

 

Charlies einhörnigem  „Freund“ ging das Spektakel ganz besonders auf die Nerven. Er jagte wild fauchend durch die Arena und scharrte anriffslustig im Sand, der bis auf die Zuschauerränge flog. Die weißen Knaben nahmen sich vor ihm in Acht.

 

Fleur hatte bald genug von der Vorführung. Sie drängte zum Aufbruch als sie merkte, dass Charlie und Lovebird, die sich, da es sehr eng war,  unter die Sitze verzogen hatten, immer wieder versehentlich von Menschen getreten wurden.

 

Der Nachmittag, den sie in der Stadt verbrachten, war auch nicht besonders amüsant. Menschenmengen schlängelten sich durch die engen Straßen, manche waren leicht angetrunken, andere sangen laut, um auf sich aufmerksam zu machen.

 

Als Fleurs Vater endlich einen Tisch in einem Eiscafe ergattert hatte, für Fleur einen großen bunten Eisbecher und eine Schüssel mit Wasser für die beiden Freunde brachte, waren alle froh, dem Treiben entwichen zu sein. 

 

Doch der Friede hielt nicht lange. Eine ältere Dame stellte diskret ihren Eisbecher zu Boden und ihr elegant geschorener Pudel war dabei, diesen auszuschlecken.  Der flinke Dackel der gegenüberliegenden Gaststätte war blind vor Wut über diese ungeheuerliche Bevorzugung des weißen Schnösels. Wie oft hat er sich schon einen Becher echtes Vanilleeis gewünscht. Er schoss heran, um dem Pudel das Eis streitig zu machen. Beide kläfften „was das Zeug hielt“. Lovebird amüsierte sich, doch für Charlie war das zu viel. Er richtete sich auf und knurrte richtig los. Die beiden Kontrahenten waren vor Schreck wie gelähmt und gaben auf.

 

„Lass uns aufbrechen, die Stadt ist nichts für die beiden und für mich auch nicht. Wir sind lieber in den grünen Weinbergen, weit weg von dieser lauten Welt“, sagte Fleur. Ihre Eltern hatten auch genug, also fuhren sie zurück und genossen noch den Sonnenuntergang am Meer.

 

Langsam senkte sich die Sonne wie ein roter Feuerball in das graublaue Meer und überall war Ruhe und Friede.

 

Die folgenden Wochen verliefen ruhig. Die beiden Freunde entspannten sich und genossen die Zuwendung von Fleur.

 

Wenn ihre Gönnerin aber mit ihrer Mutter unterwegs war, um Einkäufe für das Restaurant zu erledigen, verzogen sich Charlie und Lovebird unter eine alte Eiche am Fuße der Weinberge und dösten vor sich hin.

 

Wenn sich zufällig ein junges Rebhuhn in ihre Nähe wagte, gelang es Lovebird nur mit viel Nachdruck, Charlie zu beruhigen, denn dieser fühlte wieder das Blut seiner Ahnen in seinen Adern, er begann am ganzen Körper zu beben, seine Nüstern weiteten sich und er fing instinktiv an die Luft zu kauen.

 

Lovebird fand dieses ganze Getue scheinbar lächerlich und er begann sogar zu knurren, um das kleine Huhn zu verscheuchen. Ob er wusste, dass er ihm damit das Leben rettet?

 

Als Fleurs Vater aus der Stadt kam, brachte er eine Nachricht mit, die, wie er glaubte, seine Tochter erfreuen würde. Ihm fiel ein Plakat auf, auf dem in einem nicht allzu weit entfernten Schloss ein „Setterfest“ angekündigt wurde.  

 

„Da müssen wir unbedingt hin, denn unter ihresgleichen werden sich Charlie und Lovebird bestimmt wohl fühlen“.

 

An dem besagten Tag machte sich die Familie mit ihren beiden Settern auf den Weg zum Schloss, das dreißig Kilometer entfernt in einer grünen Seenlandschaft lag.

 

Im Umfeld des Schlosses parkten zahlreiche Fahrzeuge, die auf eine rege Beteiligung schließen ließen.

 

Als sie den Schlosshof betraten, staunten Fleur und ihre Familie nicht schlecht. Hier fand ein reges Treiben statt.

 

Auf einem aus Brettern zusammengezimmerten Podest wurden alle Teilnehmer vermessen.

 

War einer der Setter zu groß, wurde er schon im Vorfeld vom Wettbewerb ausgeschlossen.

 

Der schöne, hochgewachsene Lovebird hatte Pech. Seine edle Gestalt und seine glatten langen Haare, die sich im Wind bewegten, konnten die strengen Juroren nicht überzeugen. Zweimal schwangen sie ihr Messband und der eine verkündete mit einer donnernden Stimme: „eliminé“, was ausgeschieden bedeutet. Charlie hatte die erwünschte Größe und ihm wurde eine der Drahtboxen, die im Schlosshof aufgebaut waren, zugewiesen.

 

Wer Charlie kannte, wusste, dass ihm diese Käfige schon vom alten Schulhof und besonders vom Transporter des „Stiefelmannes“ zutiefst verhasst waren.

 

Lovebird freute sich, dass er als „Ausgeschiedener“ bei  Fleur bleiben durfte.

 

Verdutzt sah die Familie zu, wie Charlie in die Box verfrachtet wurde und alle wussten, dass das nicht gut gehen würde.

 

Im Speisesaal des Schlosses begann in der Zwischenzeit die Eröffnungszeremonie. Herren im Anzug und Damen in Ballkleidern hielten Ansprachen. Ein dicklicher Herr aus Irland war scheinbar der Ehrengast der Veranstaltung. Dezent wischte er stets die Spuren von seinem Tweedjackett, wenn ein Hund ihm zufällig zu nahe kam.

 

Fleurs Eltern nahmen an einem Tisch Platz und bestellten sich ein Frühstück. Ihr Interesse an dem Vortrag über den Setter als internationales Kulturgut hielt sich in Grenzen.

 

Fleur hatte es abgelehnt, den Saal zu betreten. Sie wollte mit Lovebird in Charlies Nähe bleiben. Dieser begann in der Zwischenzeit in seinem Käfig lautstark zu rebellieren.

 

Nach und nach waren alle Käfige mit roten „Insassen“ gefüllt. Die meisten fügten sich ihrem Schicksal und dösten vor sich hin.

 

Fleur saß auf einem Mäuerchen und war entsetzt über das, was  sie sah.

 

Eine alte weißhaarige Dame gesellte sich zu ihr. Sie bemerkte Fleurs Aufregung und versuchte sie zu trösten: „Bleib ruhig mein Kind, ich kenne all diese hohlen Reden. Die Tiere interessieren sie nicht. Wichtig sind die Urkunden und die Pokale. Manche von ihnen leben in der Stadt in einem  Penthouse und ihre Hunde verbringen ihr Dasein bei einem Ausbilder im Zwinger, andere tingeln von einem Zirkus zum anderen und ihre Hunde sitzen ihr halbes Leben in Drahtkäfigen. Du musst wissen, ich habe vor Jahren die schönsten Setter gezüchtet, stolz, kräftig mit herrlichem Haar. Heute will man nur noch die kleinen „Hungerhaken“, die nur noch aus der Entfernung an einen Setter erinnern, sehen. Die Zeiten ändern sich, die Menschen inbegriffen und die Hunde auch.“ 

 

Ein grollender Donner in der Ferne kündigte ein Gewitter an, das nicht lange auf sich warten ließ.

 

Ein Regenguss prasselte auf die Hunde in den Boxen nieder.

 

Fleur war nicht mehr zu halten, sie lief zum Saal und rief: „Ihr müsst die Hunde ins Trockene bringen!“

 

Aus allen Ecken war der Unmut der Versammelten zu hören: „Bitte Ruhe, Kind du störst!“ riefen einige empörte Stimmen.

 

Verzweifelt wandte sich Fleur an die alte Frau, die unter einem Dachvorsprung sich vor dem Gewitter in Sicherheit gebracht hatte:

 

„Helfen wenigstens Sie mir“, rief sie verzweifelt.

 

„Los Kind, lass uns die Boxen öffnen und die Hunde befreien.“ 

 

In Windeseile schoben die Frau und das Kind alle Riegel an den Käfigen zurück und die Hunde stürmten kläffend ins Freie.

 

Es begann ein heiteres Spiel übermütiger Hunde. Sie rannten kreuz und quer durch die Pfützen, die sich im Schlosshof gebildet hatten. Auch Charlie war dabei. Lovebird konnte an dem verrückten Toben keinen Gefallen finden. Die Nähe zu Fleur war ihm wichtiger. Er schmiegte sich an sie, denn jetzt hatte er sie nur für sich allein.

 

Ein dürrer alter Herr mit spärlichen Haaren, einer der Funktionäre, wollte zu seinem Fahrzeug, da er seinen Hut vergessen hatte, denn es zog  ihm plötzlich empfindlich um die Ohren.

 

Er kam aber nur bis zur Tür. Von dem Treiben im Schlosshof schockiert, rannte er so schnell es ging in den Saal zurück. Mit viel Mühe gelang es ihm, den Versammelten klar zu machen, dass  ihre Hunde  „ausgebrochen“  waren:

 

„Sie haben sich befreit“, stammelte er mit schwacher Stimme.

 

Alle stürzten in den Schlosshof.

 

In der Zwischenzeit hatten die übermütigen, glücklichen Tiere den Weiher entdeckt, der an das Gut angrenzte und dessen Uferbereich von schwarzem Moor bedeckt war. Sie wälzten sich im Schlamm und sie genossen ihre Freiheit, während die Menschen für Augenblicke  zu sprachlosen Betrachter wurden. Dann begann ein wirres Pfeifen und Rufen.

 

Duzende Trillerpfeifen sorgten für ein perfektes Durcheinander. Die sonst so folgsamen Hunde reagierten einfach nicht auf die Befehle ihrer Besitzer.  An eine Vorführung und Begutachtung der nassen und von  Morast  bedeckten Setter war nicht mehr zu denken.

 

Durch ein Mikrophon gab der Veranstalter „aufgrund widriger Umstände“ das Ende des „Setterfestes“ bekannt.

 

Alle traten die Heimreise an.

 

Charlie fand sich wieder bei Fleur und Lovebird ein. Die alte Dame verabschiedete sich mit einem dicken Kuss von Fleur. Sie flüsterte ihr zu: „Das haben wir gut gemacht.“

 

Fleurs Vater, der seine Tochter kannte, fragte sie leise: „Du hast doch nicht etwa deine Hand mit im Spiel gehabt?“

 

Sie zwinkerte ihm zu, blieb ihm aber eine Antwort schuldig.

 

Die Familie kehrte mit den Hunden in das Kloster in den Weinbergen zurück und sie genossen diese wunderbare Stille, die lediglich durch die Rufe der Rothühner  unterbrochen wurde. Fleurs Vater gönnte sich auf der Terrasse auch ein zweites Glas Rotwein, denn  er hatte für diesen Abend  die Leitung des Restaurants seinem Stellvertreter überlassen, da er das Bedürfnis verspürte, mit Frau und Tochter den Abend ausklingen zu lassen.

 

Die Hektik in der Küche entging ihm dennoch nicht und nur mit Mühe gelang es seiner Frau ihn zurückzuhalten:

 

„Es geht einmal auch ohne dich und wir freuen uns so, dich einmal für uns zu haben“, sagte sie. Ihre Worte wurden von Fleur durch einen Kuss auf die Wange des Vaters zusätzlich bestätigt.

 

Als es auf der Terrasse kühl und der Mistralwind immer stärker wurde, zog sich die Familie in ihre Wohnung zurück und, früher als sonst, schlief auch Fleur ein. In der Küche der Gaststätte war noch ordentlich etwas los und die verführerischen Gerüche hinderten Lovebird am Einschlafen. Charlie träumte bereits auf einer Decke im Eingangsbereich. Seine kleinen Füße bewegten sich im Takt und er gab sonderbare Laute im Schlaf von sich.

 

Das Toben im Schlosshof war etwas, das seinem Geschmack entsprach und nun versuchte er, in seinem Traum das herrliche Spiel zu verarbeiten.

 

Es war schon sehr spät und Lovebird, der auch recht müde war, hätte auch schon geschlafen, wäre da nicht so ein leicht beißender Geruch gewesen, der seiner feinen Nase Unbehagen verursachte.

 

Er schlich sich in den Garten, doch hier blies ihm der entfesselte Wind ganze Rauchschwaden entgegen. Der eine Teil des Daches, der über der Küche war, stand bereits in Flammen.

 

Lovebird packte die Angst. In seiner Verzweiflung weckte er Charlie, der sofort begriff,  dass höchste Gefahr drohte, denn auch das Treppenhaus war voller Rauch.

 

Instinktiv wussten beide, was zu tun war. Sie rannten bellend die Treppe hoch. Lovebird kratzte heftig mit beiden Pfoten an Fleurs Tür. Der  beißende Rauch schnürte ihre Kehlen zu, doch Charlie verbiss sich mit seinen scharfen Zähnen in der Schlafzimmertür der Eltern.

 

Als Fleurs Vater die Tür aufriss, krochen die Flammen bereits das Treppenhaus empor. Er schrie auf, zog seine Frau aus dem Schlafzimmer , rannte in Fleurs Zimmer, warf eine Decke über sie und rannte mit ihr auf dem Arm die Treppe hinunter.  Seine Frau mit Lovebird und Charlie folgten ihm.

 

Sie rannten in den Klosterhof. Hier kamen ihnen die Mönche wild gestikulierend mit Wassereimern entgegen. Einer der Mönche hatte aus seiner Zelle die Flammen gesehen und die anderen geweckt.

 

Der Abt hatte sofort die Feuerwehr verständigt, die nach wenigen Minuten eintraf. In der Zwischenzeit hatten die Mönche Schläuche gelegt und die Pumpe am Klosterbrunnen in Gang gesetzt, um das Schlimmste zu verhindern.

 

Die erschöpfte Familie hatte sich auf einer Bank im Klosterhof niedergelassen.

 

Fleur klammerte sich an ihren Vater, während die Mutter weinend Charlie und Lovebird unentwegt über den Kopf strich und stammelte: “Danke, ihr habt uns das Leben gerettet, ihr seid ein Geschenk des Himmels“.

 

Später, als das Feuer gelöscht war, verbrachten sie die Nacht in einer freien Zelle des Klosters und der kratzbürstige Abt war sogar damit einverstanden, dass Charlie und Lovebird bei der Familie schlafen durften.

 

„Den Heiligen Rochus aus Montpellier hat ein Hund vor dem Hungertod bewahrt, jetzt retten zwei Hunde in unserem Kloster drei Menschen das Leben. Man sollte diesen Geschöpfen in unserer Gegend ein Denkmal setzten“ sprach der alte Herr halblaut vor sich hin und verschwand ebenfalls in seiner Zelle.

 

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass der Koch, der am Abend vorher scheinbar  überfordert war, vergessen hatte, den mit Starkstrom betriebenen Elektroherd auszuschalten.

 

Die Handwerker der Gegend waren gern gesehene Gäste im Restaurant, einige von ihnen waren auch mit Fleurs Vater befreundet. Sie fanden sich alle am folgenden Abend im Kloster ein, denn die Nachricht vom Brand hatte in der Region die Runde gemacht. Sie versprachen, innerhalb von zwei Wochen die Schäden zu beheben. Der  Abt spendierte einige Flaschen Rotwein aus seiner „heiligen Sammlung“, um das Versprechen zu besiegeln.

 

In den folgenden Tagen wurden die beiden Setter zur Sensation der ganzen  Region.

 

Heerscharen von Menschen kamen, um die beiden Lebensretter zu sehen, Kamerateams lauerten an den Klostermauern um ein Bild von dem Mädchen und ihren Settern zu erhaschen. All das ging Fleur ziemlich auf die Nerven, deshalb verschwand sie mit Charlie und Lovebird die meiste Zeit in der wilden Landschaft. Wenn sie ganz alleine waren, schloss sie sie ganz fest in ihre kleinen Arme und sagte „Danke“.

 

Die beiden Freunde genossen die Liebkosungen und verbrachten Stunden  am Fuße des Kreuzes, das  versteckt in den Weinbergen stand.

 

Die Regenbogenpresse griff gierig die Geschichte von den beiden „Lebensrettern“ auf und überbot sich mit fantasievollen Ausschmückungen.

 

Bald hatte die Geschichte auch Paris erreicht, natürlich auch die anderen Departments und das Ausland.

 

Als Herr Hüpfer, wie jeden Morgen, in die Bildzeitung vertieft seinen Kaffee schlürfte, bevor er seine Zwinger ausspritzte, traute er seinen Augen nicht: „Zwei wunderbare Setter retten in Südfrankreich Menschenleben“.

 

„Die kenne ich doch“, rief er und griff zum Telefon, um Grunz anzurufen.

 

Sie mussten unbedingt ihren Besitz zurückholen.

 

 „Jetzt, wo die Hunde durch die Presse so richtig bekannt wurden, wird ihr finanzieller Wert in die Höhe schnellen. Wenn ich  Glück habe, kann ich Charlie in Frankreich „verscherbeln“, die stehen auf diese kleinen Kerle“, dachte er und er begann sofort mit den Reisevorbereitungen.

 

Er hatte nicht vor, sich mit Charlie länger herumzuärgern. Hunde waren für ihn eine Ware. Er kaufte sie, sie blieben bei ihm einige Jahre zur Zucht, dann wurden sie weiterverkauft.   Besonders wenn die Tiere älter wurden, „verhökerte“ er sie mit Vorliebe ins Ausland. „Aus den Augen aus dem Sinn“ pflegte er zu sagen.

 

Herr Hüpfer  verfuhr ähnlich, nur war er weniger plump in seiner Argumentation. Er erfand stets einen traurigen Grund, der ihn veranlasste, die Tiere abzugeben. Häufig erzählte er mit Tränen in den Augen, dass diese unglücklich wären und das Leben im Zwinger sie krank machen würde. Und so war manch altes Mütterchen bereit, für einen älteren Hund einige Hundert Euro zu bezahlen, nur um ihn „zu retten“.

 

Einen Tag später stand der weiße Lieferwagen vor dem Kloster. Es war ein herrlicher Morgen und Fleur war gerade dabei, in Begleitung  einer Freundin mit Lovebird und Charlie zu einem Spaziergang aufzubrechen.

 

Hüpfer und Grunz lagen auf der Lauer, sie wollten ohne viel Aufsehen die beiden Hunde in den Wagen verfrachten und verschwinden. Mit einer Fangleine ausgerüstet, warteten sie, um die beiden Setter zu Gesicht zu  bekommen.

 

Als sie die Mädchen mit den Hunden sahen, stiegen sie aus. Der  für die Hunde so unangenehme  Geruch aus dem Inneren des Transporters eilte den beiden voraus. Er verfing sich in den feinen Hundenasen und diese witterten die Gefahr, noch bevor sie die beiden Männer sahen.

 

Lovebird jaulte auf und Charlie knurrte so fürchterlich, dass sogar die beiden Mädchen vor Schreck erstarrten. Augenblicke später waren die Hunde in den Weinbergen verschwunden.

 

Hüpfer und Grunz  „warfen“ sich in ihr Auto und versuchten hinterher zu rasen. Nach wenigen Hundert Metern hatte sich ihr Fahrzeug an einer Abbiegung festgefahren und je mehr sie versuchten zu beschleunigen, um es wieder frei zu bekommen, desto tiefer gruben sich die Räder in den sandigen Boden.

 

Sie beschlossen zum Kloster zurückzukehren, um Hilfe zu holen.

 

Das war bestimmt keine gute Idee, denn die beiden Mädchen, die weinend zurückliefen, hatten bereits über die beiden „Hundefänger“, die es auf Charlie und Lovebird abgesehen hatten, berichtet.

 

Hier war die Aufregung groß. Schimpfend und wild gestikulierend gingen einige der Mönche auf die Ankömmlinge zu.

 

Der Abt merkte schnell, dass er Deutsche vor sich hatte, die kein Französisch verstanden. Er verbrachte  als junger Mann einige Jahre als Militärgeistlicher in Baden-Baden. Er hatte an der klassischen deutschen Literatur und der deutschen Sprache Gefallen gefunden. Als er wieder nach Frankreich zurückkehrte, sprach er ein makelloses Deutsch, natürlich mit diesem charmanten französischen Akzent.

 

Er wandte sich an die beiden Männer: „Die Deutschen sind gebildete Menschen und keine Hundediebe. Diese Tiere sind heilige Geschöpfe Gottes, die drei Menschen das Leben gerettet haben. Sie gehören zum Kloster wie wir. Und jetzt verschwindet von hier, bevor wir die Polizei verständigen.“

 

Als Hüpfer und Grunz über ihr Missgeschick mit dem Auto berichteten und um Hilfe baten, stießen sie auf taube Ohren. Für die Menschen hier waren sie Diebe.

 

Sie versuchten noch, dem Abt die Besitzurkunden beider Hunde zu zeigen, doch daran war dieser nicht interessiert.

 

„In eurer Literatur gibt es die Geschichte von einem Kind, das von einem weisen Richter den Menschen zugesprochen wird, die es pflegen und bei denen es sich wohl fühlt.  So verhält  es sich auch mit diesen Tieren. Selbst wenn sie euch gehören, werden sie wohl wissen, warum sie eure Nähe fürchten, denn das berichteten mir die beiden Mädchen. Geht also, die Tiere gehören hier her und hier werden sie bleiben.“

 

Die beiden verstanden die Geschichte nicht, Literatur war nicht ihre Sache, also trollten sie sich und liefen Richtung Montpellier, um dort die Polizei um Hilfe zu bitten.

 

Fleur lief unterdessen durch die Weinberge und suchte Charlie und Lovebird. Sie glaubte fest, sie am alten Steinkreuz zu finden, denn hier hatten sie herrliche Stunden zusammen verbracht. Hier  konnte sie den beiden ihr Herz ausschütten und sie war sicher, dass sie jedes Wort verstanden. Wenn sie aber einmal traurig war, schmiegten sich beide fest an sie und sie hatte schnell ihren „Kummer“ vergessen. Leider waren sie nicht hier. Sie lief hinunter zum Meer und suchte sie in den Dünen unter den schattigen Büschen, wo sie stundenlang dem Rauschen der Wellen lauschten. Auch hier fand sie sie nicht. Auf der Grasfläche unterhalb der Weinberge konnte Charlie stundenlang den Rothühnern vorstehen oder nachschleichen, aber auch hier waren sie nicht.

 

Ihre letzte Hoffnung war die Wohnung im Kloster. Sie redete sich ein, dass die beiden schlau seien und sich bestimmt vor den beiden unfreundlichen Menschen hier versteckt hätten. Sie lief durch den kleinen Garten, durchsuchte jedes Zimmer, aber auch hier fand sie sie nicht. Sie lief sie zu ihrer Mutter, warf sich in deren Arme und wieder weinte ein kleines Mädchen bitterlich.

 

Am späten Nachmittag kamen Grunz und Hüpfer mit zwei Polizisten aus Montpellier zurück.  Der eine sprach etwas Deutsch. Der  Großvater des jungen Mannes blieb nach der Kriegsgefangenschaft in Frankreich  und wenn er mit seinem Enkel allein durch die Camargue streifte, sprach er Deutsch und rezitierte  Balladen von Goethe und Schiller.

 

Wild mit der Besitzurkunde gestikulierend, näherten sich Grunz und Hüpfer mit ihrer Begleitung  dem Kloster.

 

Der ältere der Polizisten begrüßte Fleurs Vater mit einem Handschlag und dem üblichen „wie geht’s?“.

 

Vorher fragte er die Beteiligten, ob es sich wirklich um die zwei „Lebensretter“ handele, denn über die beiden hätte ja die Presse ausführlich berichtet. Seine Frage wurde durch die Mönche bejaht.

 

Anschließend  zog er sich mit dem Abt ins Kloster zurück, um in Ruhe den Sachverhalt zu erörtern.

 

Grunz und Hüpfer redeten in der Zwischenzeit unentwegt auf den jüngeren Beamten ein. Dieser war froh, dass sein Vorgesetzter nach kurzer Unterredung mit dem Abt wieder den Klosterhof betrat und er jetzt dessen Entscheidung mehr schlecht als recht übersetzen durfte:

 

„Die beiden Urkunden sind kein Beweis, da sie gefälscht sein könnten. Bei den beiden Hunden handele es sich um Tiere, die unter dem Schutz des Klosters stehen, da sie Menschenleben gerettet haben.

 

Ein Abschleppunternehmen wird das festgefahrene Fahrzeug bergen. Für das unerlaubte Befahren des Naturschutzgebietes wird ein Bußgeld verhängt, dessen Höhe die Polizeidirektion festlegen wird.“

 

Hüpfer begann auf seine übliche Art zu winseln, was ihm dieses Mal nicht half,  Grunz biss die Zähne zusammen und als die beiden wieder allein Richtung Stadt schritten, stieß er wüste Beschimpfungen gegen die Franzosen aus: „Zuerst das Elsass, jetzt unsere Tiere.“

 

Lovebird und Charlie waren in der Zwischenzeit Richtung Spanien unterwegs. Und jedes Mal, wenn sie einen weißen Transporter sahen, machten sie einen großen Bogen. Die Angst, Hüpfer und Grunz in die Hände zu fallen, saß tief.

 

Sie liefen zwei Tage ohne Unterbrechung, doch plötzlich sah Charlie, dass die Kräfte seinen Freund verließen. Um es Lovebird leichter zu machen, täuschte auch er Müdigkeit vor und sie ließen sich im Gestrüpp am Rande eines Weihers nieder. Der Schlaf übermannte sie schnell und beide träumten von den weichen Händen von Fleur, die ihnen über den Kopf strichen. Oder waren es die von Rachel, von Bridget oder von Hella?
 

 

Sie liefen tagelang durch wilde, menschenleere Landschaften und dennoch war Vorsicht geboten. Besonders  morgens und abends war die Luft von dem heiseren Knallen der Schrotflinten erfüllt. Die Jagdsaison hatte begonnen.

 

 Jedes Mal, wenn es wieder losging, verkrochen sich die beiden ins Dickicht der vielen Garriguewälder mit ihren kleinwüchsigen Bäumen und warteten ab, bis das Spektakel zu Ende war.  Hysterische  Pointer sausten an ihrem Versteck vorbei mit der gebogenen Nase im Wind und wenn sich nur der leiseste Hauch einer Witterung in ihren Nüstern verfing, bremsten sie plötzlich ab, standen theatralisch, um sofort wieder loszustürmen.

 

Lovebird verstand das alles nicht. Charlie sah interessiert zu und amüsierte sich, wenn er sah, dass einer dieser „Elitejäger“ mal wieder eine Kette Rothühner im wilden Eifer überlaufen hatte.

 


Einmal nur wurde es für die beiden brenzlig, denn eine junge English Setter Hündin mit feinem Näschen hielt plötzlich an, sie witterte ihresgleichen. Ihre Neugierde war zu groß. Lovebird war von dem schwarz-weiß gefleckten Mädchen angetan, doch Charlie knurrte verhalten doch bestimmt, so dass die Engländerin  weitertrottete. Die Gefahr war zu groß, dass sie von den Jägern aufgegriffen worden wären.

 

Es war immer das gleiche Ritual. Wenn die Jagd zu Ende war, warteten Lovebird und Charlie noch etwas ab, bis  die Staubwolken der Fahrzeuge am Horizont verschwanden, dann machten sie sich auf, die getöteten Hühner und Kaninchen, die von den Hunden und den Jagdhelfern nicht gefunden wurden, einzusammeln.

 

Manches Kaninchen, das sich unter Schmerzen verletzt ins Gestrüpp verkriechen konnte und hier qualvoll verendet wäre, wurde von ihnen erlöst.

 

Ohne es zu wissen überquerten sie die französisch-spanische Grenze und trafen plötzlich überall auf vom Kaufrausch beseelte Menschen, die aus hell erleuchteten Supermärkten prall gefüllte Tragetaschen schleiften, die nach Wurst, Schinken und Käse rochen. Die beiden folgten ihrer Nase. Erst an der Theke einer Duty Free-Metzgerei fielen sie einem Gesellen auf, der mit zwei ganzen Schinken auf dem Rücken ankam. Brüllend verscheuchte er die beiden.

 

Charly und Lovebird zogen also unverrichteter Dinge und hungrig weiter.

 

Zwei Tage danach erreichten sie eine große Stadt – wären sie Menschen gewesen, hätten sie gewusst, dass sie sich in Barcelona befanden. Hier herrschte Ausnahmezustand. Tobende Menschen, brennende Polizeifahrzeuge und überall diese gelben Plakate, die aufgebrachte Jugendliche durch die Luft schwangen.

 

Sie liefen durch die Straßen, doch niemand beachtete sie. Wo waren die Kinder geblieben, diese göttlichen Wesen, die mit  ihren kleinen weichen Händen den Kummer zweier unglücklicher Hunde einfach wegwischen könnten? Nur ganz selten sahen sie Kinder auf einem Balkon, die ihnen in einer Sprache, die sie nicht verstanden, etwas zuriefen. Besonders Lovebird begann sofort zu wedeln, er dachte bestimmt, dass es etwas Freundliches war. In einer umgekippten Mülltonne fanden sie Essensreste, die sie nicht verschmähten, da ihr Magen ordentlich knurrte.

 

Sie verließen die Stadt und sie zogen weiter. Und plötzlich schimmerten ihnen die Wellen am Ufersaum der Costa Brava  entgegen. Doch es war ein anderes Meer, grau-blau, ohne die grünen flachen Steine am Fuße des Klosters, ohne die Weinberge und Wiesen mit dem Geruch des wilden Thymians und ohne Fleur.

 

Auch hier gab es Menschen, auch fröhliche Menschen, die im Meer badeten und sich gegenseitig voller Übermut lachend ins Wasser stießen. Viele Menschen, mehr Menschen als die beiden je gesehen hatten.

 

Und in dem angrenzenden Ort  gab noch mehr davon. Tausende Frauen und Männer, die die Promenade entlang liefen, viele  mit einer Bierflasche in  der Hand, andere lagen  am Rande eines Schwimmbeckens, reckten ihren braunen Po in die Sonne.  Diese hatte etwas an Kraft verloren, denn es wurde Herbst. Der Touristenstrom war aber noch nicht abgeflaut, denn jetzt galt es, von den günstigen Angeboten  der Nachsaison zu profitieren.

 

In den Biergärten qualmten die Grills und Lovebird und Charlie konnten einmal mehr nicht widerstehen. Also schlichen sie sich, in der Hoffnung etwas abzubekommen, heran. Ihre Rechnung ging auf. Die Menschen waren in Feierlaune und manch einer ließ absichtlich ein Stückchen Fleisch unter den Tisch fallen.

 

Vor allem Charlie stand durch seine hagere Gestalt in ihrer Gunst. Eine rundliche Dame aus Bayern war besonders spendabel, sie ging des Öfteren zum kalten Büffet, um „für das arme Hunderl“ noch einen Happen abzustauben.

 

Natürlich fielen ihre Gunstbezeugungen auch der Bedienung auf. Ein mürrischer Kellner versuchte, wenn er sich unbeobachtet fühlte, durch Fußtritte  die beiden Hunde zu verscheuchen. Sie  waren ihm genauso zuwider wie die vielen fröhlichen, fremden Menschen.

 

Als die Nacht hereinbrach, waren Lovebird und Charlie nicht glücklich, aber satt. Sie trotteten zum Strand zurück, um in den Dünen zu schlafen. Der missmutige  Kellner verfolgte sie mit seinen Blicken. Er griff zum Telefon.

 

Als Lovebird und Charlie eine passende Stelle gefunden hatten, kuschelten sie sich aneinander.

 

Übermüdet schliefen sie ein und bemerkten die beiden Gestalten nicht, die sich langsam  heranschlichen. Sie legten ihnen Drahtschlingen, an deren Enden ein Stock befestigt war, um den Hals. Die beiden Hunde schreckten auf und versuchten die Flucht zu ergreifen, aber es war zu spät. Sie wurden auf einen Anhänger verfrachtet, festgebunden und eine halbe Stunde später in einer Perrera, einer der berüchtigten spanischen Tötungsstationen für Tiere abgegeben.

 

Am nächsten Morgen gingen die beiden Hundefänger zur Stadtverwaltung, um ihren Scheck abzuholen.

 

Tierfänger hatten Hochkonjunktur. Bettelnde Hunde und streunende Katzen aus dem Stadtbild fernzuhalten, war die Devise des neu gewählten rechten Bürgermeisters.

 

Als die blutrote Herbstsonne hinter den Pinienwäldern aufging, fielen ihre warmen Strahlen auch auf die Betonmauern der Perrera und sie färbten das hässliche Grau der Betonmauern in ein helles Rot. Die Nacht davor war schon kalt und alle Tiere genossen jetzt still die Wärme.

 

Als die Sonne aber höher stieg, fiel sie auf das gesamte Elend, das sich ihr im Innern der Betonboxen offenbarte.

 

An den leeren Zitzen einer abgemagerten Podenco-Hündin hingen drei hungrige Welpen.

 

Die Mutter versuchte sie abzuschütteln, was nur dazu führte, dass sie sich fester mit ihren kleinen Zähnen in der Milchleiste der Hündin verbissen. Sie wusste, dass ihre Kleinen verloren waren und nie zu den ruhmreichen Windhunden, der einstige Stolz der alten Spanier, gehören würden.

 

In einer Ecke lag ein alter Schäferhund, der immer wieder versuchte aufzustehen, was ihm aber nicht gelang und so kroch er vorsichtig bis zum Wassernapf, um festzustellen, dass er leer war.

 

Ein English Setter drückte sich die ganze Nacht schon an die Betonwand, da ihm der übelriechende Betonboden zuwider war. Noch zwei Tage zuvor lag er auf einem weichen Teppich neben dem Bett  seines kranken Besitzers. Nach dessen Tod hatten die Kinder „keine Verwendung“ mehr für den alten Hund und einer der Söhne des Verstorbenen brachte ihn kurzer Hand in die Perrera.

 

Ein schlanker  Pointer, der bei der Jagd ein paar Dutzend Schrotkugel abbekommen hatte, schreckte bei jedem Geräusch zurück und verkroch sich in einer dunklen  Ecke. Einige halbwüchsige Podencos  begannen wild tobend den Wassernapf durch den Zwinger zu werfen, um ihren Hunger zu vergessen. Jedes Mal, wenn der Blechnapf  auf dem harten Boden aufschlug, jaulte der junge Pointer laut auf. 

 

Lovebird und Charlie saßen mit drei jungen Mischlingen in der Einzäunung für Neuankömmlinge.

 

Die jungen Rüden  hatten anfangs versucht, die beiden Freunde zu provozieren, indem sie sie mit hochgestellter Rute umkreisten.

 

Doch Charlie war nicht gewillt, dieses Spiel  zu tolerieren. Durch sein furchtbares Grollen, das selbst die alten Haudegen im ehemaligen Schulgelände in Deutschland in die Flucht schlug, zeigte er auch diesmal wieder, wer das Sagen hat.

 

Die jungen Rüden gaben auf, Lovebird kauerte mit traurig hängenden Augenlidern  in einer Ecke, doch Charlie war hellwach. Mit kleinen Schritten und wachem Auge durchschritt er die Umzäunung.

 

Sein Blick fiel auf eine Stelle in der oberen Ecke des Drahtkäfigs. Hier hatte der Draht scheinbar etwas nachgegeben.  Charlie setzte zum Sprung an.  Seine muskulösen Hinterbeine bogen sich wie eine Sprungfeder und ließen seinen Körper hochschnellen. Nach einigen Versuchen brach das verrostete Gewebe. Bei einem weiteren Versuch verletzten herunterhängende Metallteile seine Kopfhaut, doch er gab nicht auf. Und plötzlich gelang es ihm sich mit seinen Vorderpfoten an der Außenwand der offenen Stelle hochzuziehen und er war frei.

 

Lovebird hatte Charlies Aktivitäten genau beobachtet. Das  laute Winseln von Charlie außerhalb des Drahtkäfigs hatte er verstanden. Er musste ihm folgen.

 

Er versuchte ebenfalls hochzuspringen, doch sein Gewicht drückte ihn immer wieder nach unten. Einmal erreichte er mit seiner Nase die Öffnung, bei seinem nächsten Versuch brach er zusammen, seine Kräfte hatten ihn verlassen.

 

Still kauerte er in einer Ecke. Er hatte aufgegeben. Selbst auf Charlies intensives Winseln reagierte er nicht.

 

Die Mischlinge begannen ihn zu beschnuppern und  kläfften ihn an. Er ließ alles über sich ergehen.

 

Die Halbstarken trieben es immer bunter. Dieses wehrlose,  rote Haarbündel in der Ecke ließ sie scheinbar für einen Augenblick ihr Gefangensein vergessen. Ihr Übermut war kaum noch zu steigern und so merkten sie auch zu spät, wie ein rotes Kraftpaket von oben auf sie niederging.

 

Charlie hatte seinen Fluchtweg wieder benutzt, diesmal um seinem Freund beizustehen.

 

Voller Schreck verkrochen sich die jungen Rüden in einer Ecke der Umzäunung. Charlie näherte sich Lovebird, er zog die Lefzen hoch, so als würde er ihm zulächeln. Er konnte ihn einfach nicht allein lassen, er musste ihn beschützen in dieser Welt voller Widrigkeiten. Sie kuschelten sich aneinander, so wie sie es zum ersten Mal als Welpen taten in dem kalten weißen Transporter  auf der Überfahrt von Dover nach Calais.

 

Später kam ein Wärter und kippte etwas Trockenfutter auf den Betonboden der einzelnen Zwinger.

 

Die jungen Mischlinge stürzten sich knurrend auf das Futter. Scheinbar hatten sie schon einige Tage nichts gefressen.

 

Die beiden Freunde ignorierten die Trockennahrung.  Sie lagen fest aneinander geschmiegt in ihrer Ecke. Jetzt hatte auch Charlie resigniert. Mit Lovebird zusammen hätte er eine Flucht gewagt. Gemeinsam hätten sie alle Hindernisse überwunden. Alleine, ohne seinen Freund weiterzuziehen und diesen  seinem Schicksal zu überlassen, kam für ihn nicht in Frage.

 

Mittags zogen zwei mürrische Männer den alten Schäferhund aus dem Betonzwinger. Da er nicht laufen konnte schleiften sie ihn über den trockenen steinigen Boden in einen Blechcontainer.

 

Der alte Rüde wehrte sich nicht. Kein Winseln, kein Jaulen, nur noch Totenstille.

 

Am späten Nachmittag betrat eine schwarz gekleidete ältere Frau das Gelände. Ein Scheitel teilte ihr schulterlanges schwarzes Haar in zwei gleichmäßige Hälften. Ihr  faltiges, braunes Gesicht war voller Anmut.   Sie näherte  sich dem Wärter, der sich mit einer Bierflasche unter den einzigen Baum auf der Anlage, der etwas Schatten spendete,  verzogen hatte und sie steckte ihm wortlos, ohne ihn anzusehen, einige Scheine zu.

 

Sie ging von einem Zwinger zum anderen und verteilte die Happen, die sie in einer großen Tasche mitgebracht hatte.

 

Sie näherte sich jedem Tier, ihre dünnen Lippen bewegten sich und sie gaben ihre leisen Worte preis, die nur für die Tiere bestimmt waren.

 

Die Hunde wurden ruhig und selbst die Welpen unterbrachen ihr Winseln.

 

Bei Lovebird und Charlie verweilte sie etwas länger, wahrscheinlich weil sie zu den Neuankömmlingen gehörten.

 

Danach ging sie wieder wortlos an dem Wärter vorbei zum Ausgang. Ihre kleinen knöchernen Hände waren verkrampft, ihre Nägel gruben sich tief in ihre Handflächen. Als das schwere Eisentor sich kreischend wieder verschloss, war es für einen Augenblick still, doch dann war ein  Schluchzen zu hören, jetzt nicht leise und demütig, sondern wild und laut. So laut, dass es die ganze Welt hören konnte.

 

Lovebird und Charlie verschliefen mit knurrendem  Magen die folgenden Tage in einem schmutzigen Zwinger irgendwo im spanischen Hinterland.

 

Es schien, als hätte die Welt sie vergessen.

 

Doch dem war nicht so.

 

Fleurs Vater, der die verweinten Augen seiner Tochter nicht mehr sehen konnte, fasste einen Entschluss. Er setzte einen Finderlohn, der seinen Einnahmen eines Monats entsprach, aus und es gelang ihm auch den jungen Reporter der „Midi Libre“, welcher über die „Lebensretter im Kloster“ vor Monaten fast  täglich berichtete, für die Sache zu begeistern. Dieser startete einen Spendenaufruf, um den Finderlohn von Fleurs Vater auszuweiten.

 

Nach kurzer Zeit folgte ein Aufschrei in den  sozialen Netzwerken. Die Pressefotos von Lovebird und Charlie gingen um die Welt. Täglich meldeten sich bei der Zeitung neue Spender.

 

In der Schweiz hielt der Winter Einzug und bei Ursula und Noldi auch die Normalität.

 

Ursula pflegte den Kontakt zu den neuen Besitzern von Lovebird und Fejas Welpen und Noldi verbrachte sehr viel Zeit in seinem Labor. Am Wochenende kam häufig Hella mit Flame, Lovebirds Sohn mit dem weißen Stern auf der Brust, zu Besuch und wenn alle nachmittags in der Küche mit dem großen Fenster zum Garten am Tisch saßen und sich Ursulas Apfelkuchen schmecken ließen, schweiften Hellas Augen über die spielenden Hunde und ihre Gedanken waren weit weg. Sie rannte hinaus, schnappte sich ihren kleinen Flame, der zu einem stattlichen Rüden heranwuchs und kehrte mit ihm in die Küche zurück. Sie saß mit ihm auf dem Boden in der gleichen Ecke, in welcher sie immer mit seinem Vater saß, sie strich ihm mit ihren kleinen Händen über die sanften Wölbungen seiner Stirn und der junge temperamentvolle Hund hielt still, so still als könnte er nie davon genug bekommen, so als würden diese kleinen Hände für ihn die Welt bedeuten.

 

Alle akzeptierten notgedrungen das Geschehene und als die ersten Schneeflocken fielen, schien es für die Familie so zu sein, wie es immer war.

 

Wenn da nur nicht eines Morgens Noldis Mitarbeiter zufällig auf ein Bild gestoßen wäre. Er reichte sein Smartphone an Noldi weiter:

 

 „Zwei Hunde wie die Eurigen werden in Frankreich vermisst und die Welt steht Kopf.“

 

Noldi warf ein Blick auf die Fotos, er traute seinen Augen nicht, er lief mit dem Smartphone zum Wohnzimmer und legte das Gerät wortlos vor Ursula auf den Tisch.

 

„Es sind Lovebird und Charlie, ich würde sie unter Tausenden von roten Settern erkennen“, sagte Ursula aufgeregt. Nur die Zusammenhänge waren ihnen nicht klar.

 

Und so machten sich an die Arbeit.

 

Noldi gelang es, telefonisch Kontakt zu dem jungen Reporter von „Midi Libre“ aufzunehmen. Dieser berief sich zuerst auf den Datenschutz, dann  witterte er aber eine neue Story und am Ende war er bereit, den Kontakt zwischen Fleurs Vater und Noldi herzustellen.

 

Ursula und Noldi erfuhren, dass eines Tages ein Mädchen zwei Setter am Meer in der Nähe eines Klosters fand, diese mit nach Hause nahm, versorgte und ins Herz schloss, dass dann zwei Männer aus Deutschland kamen, die versuchten die Hunde einzufangen, was ihnen aber nicht gelang. 

 

(Ursula und Noldi wussten nach der Beschreibung, dass es  Grunz und Hüpfer waren).

 

Fleurs Vater berichtete Noldi auch über den weiteren traurigen Verlauf der Geschichte, dass die Hunde in panischer Angst davonrannten und im Umfeld des Klosters nicht mehr gesehen wurden und dass er in seiner Verzweiflung über die Medien und den Finderlohn versucht, den verschwundenen Hunden auf die Spur zu kommen.

 

Noldi erzählte Fleurs Vater wiederum seinen Teil der Geschichte und am Ende stand  für beide fest, dass es keine Verwechslung war und dass es sich nur um Lovebird und Charlie handeln konnte.

 

Sie beschlossen in Kontakt zu bleiben. (Hella wollten sie diese Nachricht später schonend vermitteln).

 

Ursula erinnerte sich, dass Lovebird und Charlie vorsichtshalber nach ihrer Ankunft vom Tierarzt geimpft wurden, sie suchte sofort das Impfbuch der beiden, das sie verständlicherweise Grunz und Hüpfer nicht ausgehändigt hatte und teilte Fleurs Vater die Chip-Nummern mit, in der Hoffnung zur Suche beizutragen. 

 

Menschen aus ganz Europa, denen diese Hunderasse ans Herz gewachsen war,  bemühten sich  zu helfen. Spaziergänger mit zwei roten Hunden an der Leine wurden misstrauisch beäugt und manch einer musste Rechenschaft ablegen, dass er der wahre Besitzer seiner Hunde sei.

 

In Matlock wusste jedes Kind, dass Rachels  Mutter diese herrlichen Hunde züchtete und als sie eines Morgens beim Becker in der Schlange stand, reichte ihr die Nachbarin ihr Smartphone mit dem Post von den beiden Settern.

 

Da sie in Eile war, erwiderte sie nur, dass die Welt voller roter Hunde sei. Die Geschichte verfolgte sie aber den ganzen Tag und am Abend suchte sie die Nachricht und verglich die in der Zwischenzeit veröffentlichten Chip- Nummern mit ihren Unterlagen. Sie wurde blass, griff nach einem Stuhl, um sich hinzusetzen, denn sie landete einen Treffer. Als Rachel schlief, berichtete sie ihrem Mann von ihrer Entdeckung.

 

Beide kamen zu dem Entschluss, die Tochter vorerst von dieser Nachricht zu verschonen, denn nach dem  Verkauf des kleinen Lovebird  war ihr Kind wochenlang nicht ansprechbar.

 

Jede Chip-Nummer beginnt mit einer Zahlenkombination, die das Geburtsland des Hundes dokumentiert und deshalb meldete sich eine Dame  des  irischen Zuchtverbandes  auch bei Mc Donnel, um ihn über den Vorfall zu informieren. Leider stieß die Lady bei ihm auf taube Ohren. Nachdem er seine Unterlagen sichtete, folgte nur ein kurzer Satz: „Charlie wurde nach Deutschland verkauft, korrekt bezahlt, der Rest ist unwichtig“, dann legte er den Hörer auf. Am nächsten Tag, als Bridgets Mutter die Hunde fütterte, war der alte Mc  Donnel in Plauderlaune: „Angeblich treibt sich der kleine Bastard, den deine Tochter haben wollte, in Frankreich herum. Fang ihn ein und er gehört euch“, sagte er spöttisch und zeigte ihr die Fotos auf dem Smartphone.

 

Keinen erneuten Kummer für die Tochter -  das war auch bei Bridgets Eltern die Devise.

 

Insgeheim aber waren sowohl Rachels wie auch Bridgets Mutter fest entschlossen, zu der französischen Familie Kontakt aufzunehmen.

 

Und während sich die Meldungen  in den sozialen Netzwerken überschlugen und täglich neue unwahre Geschichten konstruiert wurden, saßen die beiden Setter in einem verrosteten Zwinger in Spanien und warteten auf ihren Henker.

 

Die Tage wurden kälter und es schien so, als würde der Herbst nahtlos in den Winter übergehen. Dieser ist im Süden wesentlich milder als in Mitteleuropa, jedoch auch feuchter. Durch längere Regenphasen werden  die ausgetrockneten Flächen von einem satten Grün überzogen.

 

Für Lovebird und Charlie war dieser Regen kein Segen.

 

Sie kauerten im letzten Winkel des Zwingers und dennoch war ihr Fell durchnässt, denn der Mistral, dieser unerbittliche Wind, blies die Feuchtigkeit  durch alle Ritzen des verrosteten Blechdaches.

 

Am Wochenende kamen manchmal ältere Menschen mit einer Futterspende vorbei, ganz selten auch Familien mit Kindern, die sich den Eintritt in den Zoo sparen wollten. Angewidert von dem Schmutz und Unrat, der überall herumlag, verließen sie aber schnell wieder das Gelände.

 

An einem Sonntagmorgen stand plötzlich ein jüngerer Mann vor dem Zwinger, er war freundlich, aber  er wirkte mit seinen Versuchen, Charlie und Lovebird aus der Ecke zu locken, etwas unbeholfen.

 

Er ging zu einem der Wärter, der gelangweilt auf einem Zahnstocher herumkaute, und fragte ihn in einem gebrochenen Spanisch nach dem Preis für beide Setter.

 

Dieser erkannte schnell, dass sein Gegenüber zu den vielen ausländischen Bauarbeitern, die er nicht mochte, gehörte und schwieg. Der Mann dachte, der Wärter wolle den Preis hochtreiben und versuchte ihn milde zu stimmen, indem er ihm in einem holprigen Spanisch seine Geschichte erzählte:

 

Er komme aus Rumänien und arbeite in Lloret auf dem Bau. Seine Frau habe  einen Job in einer Kleinstadt nördlich von Rom. Die beiden Töchter lebten bei den Großeltern in einem Dorf südlich von Bukarest und  er selbst habe dort bereits ein Grundstück für ein Haus gekauft. Jedes Jahr zu Weihnachten sei er für  drei Wochen zu Hause bei seiner Frau und seinen Kindern.

 

Das sei ein ganz besonderes Dorf, denn ganz in der Nähe hätte ein reicher Engländer ein Gut erworben. Die englischen Gutsverwalter werden bei ihren Spaziergänger stets von zwei roten Settern begleitet. Und diese beiden Hunde haben es seinen Töchtern angetan. Und jedes Mal, wenn sie ihn über WhatsApp kontaktierten - monatelang der einzige Kontakt zu seiner Familie - folge stets die gleiche Bitte: „Bring für jede von uns als Weihnachtsgeschenk einen roten Setter.“

 

Er habe versucht in einem Zoogeschäft, wo diese putzigen Hunde ja in den Schaufenstern zu sehen sind, zwei Hunde zu kaufen, doch für den aufgelisteten Preis müsste er zwei Monate schuften, also riet ihm ein Freund, mal in der Perrera nachzusehen und siehe, hier sei er fündig geworden natürlich, wenn der Preis stimme.

 

Der Wärter begann plötzlich schallend zu lachen:

 

„Nimm die Köter und verschwinde und verschone mich mit deinen Familiengeschichten, morgen wären sie sowieso eingeschläfert worden und am besten du bleibst mit deiner Sippe in Rumänien, denn die Arbeitsplätze in Spanien sind auch nicht unbegrenzt. Hier, nimm dir zwei Leinen und Halsbänder, da liegen noch welche herum. Die Hunde, denen sie gehörten, haben keinen Hals mehr zum Anleinen “, sagte er spöttisch und kaute weiter auf seinem Zahnstocher.

 

Der Mann leinte Lovebird und Charlie an und sie folgten ihm willig aus dem Zwinger.

 

In der Gemeinschaftsunterkunft ließ er die beiden Hunde vorerst im Fahrzeug und wartete ab. Als seine Mitbewohner sich wie jeden Sonntag  in einer Kneipe zu einem Bierchen trafen, holte  er die Hunde aus dem VW-Bus, stellte sie unter die Dusche und wusch den Lehm aus ihrem Fell. Danach kämmte er sie mehr schlecht als recht.

 

Lovebird und Charlie ließen alles über sich ergehen. Sie waren müde und erschöpft und dieser Mann, der sie aus dem Gefängnis befreit  hatte, gehörte bestimmt zu den Guten. Am Abend brachte er sie wieder zum Bus, fuhr mit ihnen eine Runde und nachdem beide eine Fleischdose verdrückt hatten, schliefen sie auf dem Rücksitz ein, er öffnete einen spaltbreit das Seitenfenster und verließ dann den Bus Richtung Arbeiterunterkunft. Vorher fotografierte der schweigsame Mann die beiden mit seinem Handy und schickte das Foto an seine Töchter.

 

Die  Ladefläche hinter der Rückbank war eine kuriose Ansammlung von Lebensmittel in Dosen, Schuhen in Kartons, Kleider in schwarzen Plastiksäcken, Elektrogeräten und vielem mehr. Auch ein bereits geschmückter Weihnachtsbaum aus Kunststoff war dabei.

 

Am nächsten Tag kehrte er früh morgens zu seinem Fahrzeug zurück, fütterte die Hunde, leinte sie an und ließ sie in einer nahen Grünanlage ihre Geschäfte erledigen.

 

Dann legte er eine CD mit einer sonderbaren Folkloremusik ein und fuhr los. Er fuhr stundenlang ohne Unterbrechung. Zwischendurch sang er mit und versuchte die sonderbare Melodie zu übertönen. An Charlie und Lovebird zogen flüchtige Bilder vorbei, schneller, immer schneller, bis sie müde wurden und einschliefen.

 

Die Nacht verbrachten sie auf Rastplätzen. Der Mann  öffnete eine Wurstdose  für sich und eine Fleischdose für die Hunde. Nach dem Essen trank er eine Flasche Bier, legte den Fahrersitz zurück, so dass Charlie und Lovebird auf dem Rücksitz zusammenrücken mussten und schlief ein.

 

Wortlos stand er am Morgen auf, ließ die Hunde ihr Geschäft erledigen, nahm einige Happen zu sich, startete dann sein Fahrzeug und fuhr los. So ging es tagelang.

 

Nach einer viertägigen Fahrt verließen sie die Autobahn  und die Straßen wurden immer kleiner, holpriger und staubiger, bis sie vor einem kleinen Haus anhielten.

 

Lovebird und Charlie, die mal wieder eingeschlafen waren,  wurden durch einen ohrenbetäubenden Lärm geweckt. Lachende Menschen stürzten aus dem Haus, vor dem das Fahrzeug hielt, aber auch aus den Nachbarhäusern. Menschen umringten den Bus. Der schweigsame Mann stieg aus, rief etwas in einer fremden Sprache, er schien glücklich zu sein. Eine junge Frau hing an seinem Hals, er nahm zwei Mädchen auf den Arm und zeigte durch das Seitenfenster auf Charlie und Lovebird. Die Kinder  drückten sich die Nasen an der Scheibe platt und die beiden Setter saßen regungslos da, sie  wussten nicht, wie ihnen geschah, sie konnten die Situation nicht einordnen.

 

Als sich die Euphorie gelegt hatte, nahm der stille Mann, der jetzt alles andere als schweigsam war, da er ununterbrochen lachend auf die Frau und die Kinder einredete, die beiden Hunde aus dem Bus und drückte jedem der Mädchen eine Leine in die Hand, der etwas größeren Tochter, die von Lovebird und der kleineren die von Charlie.  Zaghaft nahmen die Kinder ihr Geschenk in Empfang.

 

Bis jetzt hatten sie diese schönen roten Hunde nur aus der Entfernung bei den englischen Herrschaften gesehen, jetzt gehörten sie ihnen. Vorsichtig versuchte die Größere, Lovebird mit der Hand über die Stirn zu streichen, die Kleinere tat bei Charlie das Gleiche.

 

"Das Eis war gebrochen". Diesen Kinderhänden konnten die beiden Setter nicht widerstehen.   

 

Obwohl niemand in Frankreich etwas über den Verbleib der Hunde wusste, überschlugen sich dort die Ereignisse. Täglich gingen neue Spenden von tierlieben Menschen aus der ganzen Welt bei der Regionalzeitung in Montpellier ein und täglich war in den sozialen Netzwerken der neueste Spendenstand zu lesen.

 

Fleurs Vater bereitete die Hysterie  bereits Unbehagen, denn die vielen Tausend Euros, die als Finderlohn zusammenkamen, halfen der kleinen Fleur nicht über ihre Trauer hinweg, da von Charlie und Lovebird jede Spur fehlte.

 

Umso mehr freute sich die Familie aber über den Anruf zweier Frauen aus England und  aus Irland. Jetzt erfuhren sie wenigstens etwas über die Abstammung ihrer vermissten Lieblinge. Besonders Rachels Foto von Lovebird als Welpe und Bridgets bunte selbstgemalten Bildchen von Charlie auf einer grünen Wiese vor den Toren des Gutes, die nach dem Telefonat in einem Brief an Fleur ankamen,  hatten es ihr angetan.

 

Und auch aus der Schweiz traf eine Botschaft ein, diesmal  von Hella, die jetzt auch im Bilde war,  an Fleur adressiert. Zeilen voller Trauer, aber auch Hoffnung. Sie schrieb, dass Charlie und Lovebird immer  klug und zäh gewesen wären und noch nicht alles verloren sei.

 

(Nur Hüpfer und Grunz meldeten sich nicht. Wahrscheinlich war ihnen entgangen, dass die beiden Hunde, die sie verraten hatten, jetzt im Rampenlicht standen. Vielleicht aber saßen sie auch wieder in dem stinkenden  Transporter auf einer Straße  irgendwo  in Europa, um für Lovebird und Charlie rechtzeitig zu Weihnachten  einen Ersatz zu besorgen.)

 

In dem kleinen rumänischen Dorf aber kehrte am nächsten Morgen wieder der Alltag ein. Die Jungen gingen zur Arbeit, die Alten sägten Holz, um die  gusseisernen Öfen zu heizen oder versammelten sich im spärlich beheizten Dorfladen.

 

Die beiden glücklichen Mädchen zeigten  voller Stolz den Nachbarkindern ihre vierbeinigen Weihnachtsgeschenke aus Spanien. Ihr Vater stand am Fenster und beobachtete seine Töchter. Es freute ihn, sie so glücklich zu sehen.

 

Die größere hieß Doina und sie sollte den Vater an ein altes rumänisches Volkslied mit dem gleichen wohlklingenden Namen erinnern, die kleine nannten sie Dorina. In ihrem  Namen verbargen sich alle unerfüllten Wünsche der Eltern - und das waren viele.

 

Aber nicht alle Menschen des Ortes freuten sich beim Anblick der  Setter.

 

Für die Alten waren Hunde nutzlose Geschöpfe, die sich über den Abfall  hermachten oder  den Nutztieren zusetzten, wenn sie hungrig waren. Sie warfen mit Steinen nach den Tieren, besonders wenn sie mit den Widrigkeiten des Lebens nicht klar kamen. Achtung vor anderen Geschöpfen kannten sie nicht. Der Vater der Mädchen kannte diese  Einstellung, aber dennoch ließ er es sich nicht nehmen mit seiner Frau, seinen Töchtern und den Hunden einen Spaziergang durch das Dorf zu machen, um auf dem neu erworbenen Grundstück nach dem Rechten zu sehen.

 

Er erzählte mit leuchtenden Augen den Mädchen, dass hier ein großes, schönes  Haus  in mediterranem  Stil stehen werde, mit zwei Kinderzimmern,  mit großen Türen und vielen warmen Räumen.

 

Als die kleine Dorina fragte, ob sie nächstes Jahr zu Weihnachten schon in dem neuen Haus wohnen würden, wurde der Vater ziemlich  verlegen und schwieg, die Mutter wischte sich verstohlen eine Träne weg.

 

Sie traten den Rückweg an.

 

Charlie und Lovebird aber fühlten sich nicht wohl, denn es entging ihnen nicht, dass sie von freilaufenden Hunden in gebührendem Abstand verfolgt wurden. Dutzende wuschelige abgemagerte Geschöpfe  schlichen ihnen hinterher. Diese verschwanden aber blitzschnell, wenn ein Fahrzeug sich ihnen näherte oder sie Menschen erblickten.

 

An einem Holzzaun mit angefaulten Brettern stand eine ärmlich gekleidete alte Frau. Als sie die Familie mit den Settern sah, lachte sie böse und rief den Mädchen zu:

 

„Haltet sie nur fest und verschließt heute Abend das Tor, denn sie kommen wieder mit dem LKW, um die Straßenhunde einzusammeln. Ein Segen für uns, denn sie fressen uns die Haare vom Kopf diese Biester. Sie sollen sogar Menschen anfallen, wenn der Hunger sie plagt. Seid sie sie in Bukarest jagen, ziehen sie sich in die Dörfer zurück. Sie ziehen ihnen das Fell über die Ohren und machen Handschuhe daraus.“

 

Doina begann laut  zu weinen und Charlie wusste instinktiv, dass er sie beschützen musste. Er knurrte laut und näherte sich mit hoch gestellten Nackenhaaren der bösen Frau. Diese geriet in Panik und lief kreischend davon.

 

Die Mutter versuchte am Abend die Mädchen zu beruhigen und erklärte den beiden, dass die alte Frau eine Hexe sei und dummes Zeug geredet habe, um die Kinder zu erschrecken.

 

Sie wusste aber, dass Teile der Geschichte der Wahrheit entsprachen, denn es gab hier sehr viel Elend und ausgesetzte Tiere waren keine Seltenheit. Als die Mädchen schliefen, verschloss sie das Tor und  stellte  eine Schüssel mit Essensresten davor.

 

Sie wusste, dass ihr Mann seine Töchter abgöttisch liebte und ihnen jeden Wunsch von den Augen ablas. Und wenn sie ihre Töchter sah, die an die Setter geschmiegt einschliefen, verdrängte sie auch die Frage, wie die Großeltern die beiden Hunde durchfüttern sollten, wenn die spanischen Dosen mit Hundefutter aufgebraucht waren. 

 

Nachts hörte sie, wie Fahrzeuge mit quietschenden Reifen durch die staubigen Straßen fuhren und manchmal hörte sie auch das erbärmliche Jaulen eines Hundes, der sich in der Schlinge der Häscher verfing.

 

Sie schmiegte sich an ihren Mann und versuchte einzuschlafen.

 

Am Morgen als sie die Küche betrat, saß ihr Mann kreidebleich am Frühstückstisch, das Smartphone  in der Hand.  

 

Sie  überflog den Post und verstand nun die Aufregung ihres Mannes.  

 

Ein spanischer Freund hatte ihm die Suchmeldung mit den Fotos der beiden Hunde weitergeleitet.

 

Er las immer wieder laut die magische Zahl :  35.950 Euro und stammelte dabei: 

 

„Wir sind gerettet. Wir können mit dem Rohbau unseres Hauses beginnen. Sie werden alle die Augen aufreißen, wenn sie unseren Prachtbau sehen, wie ein kleines Schloss wird es aussehen. Du kannst im kommenden Jahr bei den Mädchen bleiben und ich werde im Sommer Urlaub nehmen und an unserem Haus arbeiten. Ich habe bereits diese französische Nummer angerufen und dieser Teufelskerl hat für heute Abend  bereits ein Flug von Montpellier nach Bukarest gebucht, wie er das nur geschafft hat. Ich werde meinen Bruder mitnehmen. Ohne Geld keine Hunde, das kann er wissen. Ich lasse mich von einem Franzosen nicht reinlegen.“

 

Er rannte  wild fuchtelnd durch die Küche, suchte einige Kleider zusammen, denn draußen war es frostig kalt, schnappte sich Charlie und Lovebird und zog sie am Halsband in den Bus.

 

Die Frau lief ihm zur Tür hinterher und rief: “Und die Mädchen, was sage ich den Mädchen, wenn sie wach werden?“

 

Ihre Worte wurden von dem Geräusch des aufheulenden Motors verschluckt. Sie schloss die Tür, legte ein Holzscheit in den verrosteten Ofen und ließ sich ratlos auf einem Stuhl nieder.

 

Als die Mädchen aufwachten, schöpften sie anfangs keinen Verdacht, denn sie glaubten, der Vater mache mit den beiden Settern einen Spaziergang, so wie es manchmal die reichen Engländer mit ihren Hunden taten.

 

Die Frau gab ihr Bestes die Kinder abzulenken. Sie beschloss mit den Mädchen mit dem Linienbus, der im Winter nur einmal täglich fuhr, zu einem Einkaufsbummel nach Bukarest zu fahren. Sie lief etwas abwesend mit den Mädchen durch die verschneiten Straßen der Hauptstadt und sah in den Schaufenstern vieles, das sie aus Italien kannte, nur wesentlich teurer. Ihr Einkauf beschränkte sich auf  zwei Puppen für die Mädchen und eine Flasche Korn für die Großeltern.

 

Ihre Gedanken waren bei ihrem Mann. Fällt er vielleicht auf einen Betrüger herein? Wie werden es die Mädchen aufnehmen? Tut er das Richtige? Normalerweise konnte sie sich auf ihn verlassen. Er war ein Familienmensch, er hielt das Geld zusammen, während andere, die in Spanien arbeiteten, ihr Gehalt mit jungen Dingern verprassten.

 

Und selbst, wenn sie es nicht zugeben wollte, freute sie sich auch auf das neue Haus.

 

Sie kehrte mit den Mädchen in ihr Dorf zurück  und brachte sie nach dem Abendessen zu Bett. Die Kleinen fragten nicht mehr,wo der Vater mit den Hunden geblieben sei.

 

Später hörte sie aus dem Zimmer, in dem die Mädchen schliefen, ein leises Schluchzen.

 

Ihr Mann kam nach Mitternacht nach Hause, legte eine Umschlag mit großen Scheinen auf den Tisch und sagte: „Der Franzose ist ein Ehrenmann und sehr, sehr sympathisch, vielleicht werden wir mal nach Frankreich reisen.“

 

Die Frau war froh, dass ihr Mann zurück war  und bevor sie zu Bett gingen, fragte sie nur: „ Und wie erklären wir es den Mädchen?“

 

Er blieb ihr die Antwort schuldig, da er keine hatte.

 

Die Frau konnte nicht einschlafen. In der Nacht hörte sie wieder den Lärm der Hundefänger, die durch die Straßen kurvten und wieder die ängstlichen Schreie der Tiere, die in ihre Fänge gerieten.

 

Doch dieses Mal wollte es gar nicht aufhören und zuletzt hörte sie ein leises Winseln, das immer lauter wurde.

 

„Jetzt muss Schluss sein“, sagte sie sich, griff sich eine Jacke und stürzte nach draußen. Sie wusste zwar, dass sie gegen die Hundefänger nichts ausrichten konnte, aber sie wollte wenigstens ihrer Wut Luft  machen.

 

Als sie das Tor öffnete, sah sie die zwei kleinen winselnden Knäuel, die sich unter der Einfahrt versteckten. Sie waren erst einige Wochen alt und  zitterten am ganzen Leib. Sie ergriff die Welpen und brachte sie in die Küche.

 

Sie legte sie auf die Decke von Charlie und Lovebird, rubbelte ihnen das Fell trocken, wärmte ihnen auf dem Gaskocher eine Tasse Milch, die sie gierig tranken, und sagte halblaut: „Euch schickt uns der Himmel oder das Christkind.“

 

Als Doina und Dorina am Morgen aufwachten, trauten sie ihren Augen nicht, als sie die Welpen sahen, sie begannen sofort sie zu umsorgen, denn die beiden Hundekinder sahen so hilflos aus. Auch für ihren Vater war es jetzt einfacher,  ihnen die Geschichte von dem französischen Mädchen Fleur, das den ganzen Tag weinte, da es Charlie und Lovebird so sehr vermisste, zu erzählen. Den finanziellen Teil der Geschichte behielt er aber für sich.

 

Als Fleurs Vater und der Reporter von Midi Libre am nächsten Morgen mit Charlie und Lovebird in  Montpellier landeten, war es noch früh, und so gelang es dem Vater ohne Belästigung durch die Boulevardpresse am Flughafen mit den Hunden in ein Taxi zu  steigen und bevor Fleur richtig wach war, das Kloster zu erreichen.

 

Als diese noch etwas schlaftrunken durch das Fenster blickte, fiel ihr plötzlich die Kakaotasse aus der Hand und sie rannte im Nachthemd in den Klosterhof, denn sie sah ihren Vater mit Charlie und Lovebird aus dem Taxi steigen. Die Begrüßung ließ sich nicht in Worte fassen. Endlich hatte das lange, bange Warten ein Ende.

 

Fleur fiel ihrem Vater um den Hals und dieser wusste, dass  er das Richtige getan hatte und dass kein Aufwand zu groß gewesen war, um seine Tochter glücklich zu sehen.

 

Die Wochen vor Weihnachten hatten in Südfrankreich etwas vom Zauber des ewigen Herbstes. Der fast menschenleere Strand in der Nähe des Klosters erholte sich jetzt von den Strapazen des Sommers. Eine milde Sonne, die mittags die vielen bunten grünen Steinen am Meer erwärmte, schuf  zwischen den Dünen für Fleur und ihre beiden Settern eine warme Oase zum Träumen.

 

Hier war sie mit ihren Hunden alleine und ungestört, hier konnte sie den Schmerz und die Trauer, das endlose Bangen des Sommers hinter sich lassen.

 

Ihre Eltern ließen sie gewähren, wenn sie sich zurückzog, und stellten keine Fragen. 

 

Der Vater war in seinem Restaurant mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt und arbeitete in jeder freien Minute an seinem Plan, der für Fleur die große Überraschung werden sollte.

 

Zur Mittagszeit an Heilig Abend, als Fleur gerade dabei war mit Charlie und Lovebird noch eine Runde zu drehen, stand plötzlich ein Auto mit Schweizer Kennzeichen im Klosterhof, ein Mädchen riss die Wagentür auf und stürmte auf die Gruppe zu. Fleur war verblüfft, die beiden Setter aber freuten sich  riesig, denn sie hatten Hella sofort erkannt.  Als Ursula und Noldi mit dem halbstarken Flame an der Leine dazu kamen, verstand Fleur die Zusammenhänge und sie freute sich ebenso sehr. Lovebird konnte seinen Sohn beschnuppern und Charlie war zu dem Wildfang so gütig, wie sonst zu kaum einem anderen Rüden.

 

Die beiden Mädchen wollten sich sofort mit den drei Hunden absetzen, doch Fleurs Vater bat die Kinder, nicht zu lange wegzubleiben, denn sie müssten alle noch zum Flughafen nach Montpellier, der nur fünfzehn Kilometer entfernt war, dort erwarte sie der nächste Teil der Überraschung.

 

Nachdem die beiden Mädchen von ihrem Spaziergang zurückkamen, fuhren alle nach Montpellier, natürlich hatten sie die Hunde dabei.

 

Fleurs Vater hatte in einer Tragetasche selbstgeschriebene Schilder versteckt.

 

Als das Flugzeug aus London ankam, hielt er das Schild mit dem Namen „Rachel“ hoch, ein Mädchen rannte heran und stürzte sich sofort auf Lovebird.

 

„Das muss er sein“, rief sie zu ihrer Mutter, die sie begleitete. Die stürmische Begrüßung musste abgebrochen werden, denn fünfzehn Minuten später landete das Flugzeug aus Dublin und das Schild „Bridget“ wurde gezückt. Das irische Mädchen drückte sich an seine Mutter, überblickte die Runde und nahm, ohne ein Wort zu sagen, Charlie in den Arm.

 

Fragend blickten alle Fleurs Vater an, denn dieser hatte noch ein Schild mit den Namen „Doina und Dorina“. Er meinte, dass die rumänischen Mädchen  unbedingt dabei sein müssten, denn schließlich habe ihr Vater Lovebird und Charlie aus der Hölle der spanischen Perera gerettet.

 

Als das Flugzeug aus Bukarest landete, tauchten am Terminal zwei kleine Mädchen in warmen, wolligen Mänteln, zwei wuscheligen Welpen im Arm, mit ihren Eltern auf.

 

„Jetzt sind wir vollständig“, sagte Fleurs Vater und er fuhr fort:

 

„Dies ist eigentlich die Einladung von Charlie und Lovebird, die ich in ihrem Namen organisiert habe. Sie wollten heute all die Menschen, die ihnen Gutes getan haben und die sie geliebt haben, um sich haben. Lasst uns zusammen Weihnachten feiern und Freunde bleiben.“

 

Sie fuhren alle zusammen  zurück und bezogen ihre Zimmer im stillgelegten Teil des Klosters.

 

Danach trafen sie sich zu einem üppigen Abendessen im Restaurant. Die Erwachsenen genossen die französischen Spezialitäten, doch die Kinder waren durch die Flut der Eindrücke so überwältigt, dass die meisten Köstlichkeiten unberührt auf ihren Tellern blieben.

 

Nach dem Essen trafen sich alle wieder zum Weihnachtsgottesdienst in der ehrwürdigen mittelalterlichen Klosterkirche.

 

Die Mönche hatten ausdrücklich im Vorfeld die Menschen aus der Umgebung gebeten, ihre Tiere zum Weihnachtsgottesdienst mitzubringen.

 

Die steinernen Bänke der Kirche waren mit roten Kissen belegt, der Altar war mit vielen Blumen geschmückt und die Mönche trugen ihre festlichen schwarzen Sonntagskutten. Der Abt hielt eine feierliche Predigt über den heiligen Rochus aus Montpellier.  Als dieser auf seiner Rückreise in Piacenza   mit der Pest infiziert war, wurde er von niemandem gepflegt. Er „empfahl sich Gott“ und ging in eine einsame Holzhütte im Wald. Dort wurde er der Legende nach von einem Engel gepflegt, und ein Hund brachte ihm solange Brot, bis er wieder genesen war.

 

Doch die Engel des heutigen Weihnachtsabends, so betonte der Abt, seien Rachel, Bridget, Hella, Doina und Dorina und natürlich  Fleur, denn, so wie der Hund für den Heiligen da war, so waren diese sechs Kinderengel für Lovebird und Charlie, diese beiden  wunderbaren Geschöpfe Gottes, da.

 

In einer Ecke der alten  Kirche, auf warmen Decken, lagen Lovebird, Charlie, Flame und die kleinen rumänischen Waisenhunde. Sie verstanden zwar die Worte des Abtes  nicht, sie blinzelten aber ins Kerzenlicht und waren glücklich.

 

Lovebird drückte sich fest an seinen  Freund Charlie und alle genossen die zahlreichen Kinderhände, die ihnen das Fell kraulten.  Wie sehr hatten die beiden diese Kinderhände gesucht, besonders an den Tagen, als sie in Käfigen eingesperrt waren und  von der Welt vergessen schienen.

Hier an diesem heiligen Ort, der einstigen Pfalz Karl des Großen mit seinen herrlichen Weinbergen, dem Blick auf die brausenden Wellen und den Strand mit seinen grünen Steinen, an deren Heilkraft die Menschen von hier glauben endet die Geschichte von Lovebird und Charlie.

 

 

 


Nachwort:

 

in den letzten vierzig Jahren habe ich bei Spaziergängen und mannigfaltigen Veranstaltungen Hunderte Setter gesehen.

 

Die meisten haben sich in meinem Gedächtnis  eingebrannt,  so dass ich mir viele noch heute gut vorstellen kann. Das ist auch nicht verwunderlich, da jedes Tier einzigartig ist, mit besonderen Eigenheiten und einer oft von Menschen auferlegten „Biographie“.

 

 

 

 

Eine Legende, die man  sich in Frankreich erzählte, ging mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf:

 

Ein junger Setter brach aus seinem kargen Zwingerdasein aus und ließ sich nicht mehr einfangen. Wenn sich Menschen ihm näherten, suchte er das Weite.  Er wurde angeblich  in der Provence gesehen, am Atlantik,  in der Champagne und in der Bretagne. Er war klug und schlau und lebte  viele Jahre als freier „Selbstversorger“. Dieser Setter diente mir als Anregung für die Fortsetzungsgeschichte.

Für die meisten Hunde, die auch heute in verschmutzten Zwingern hausen müssen, bleibt die Flucht allerdings eine Illusion.